Wird die nachhaltige Stadt die Stadt der Zukunft sein?

Verfasst von am 03.04.2020 - 4 min

2050 werden annähernd 70 % der Weltbevölkerung in Städten leben. Angesichts des Bevölkerungswachstums, der Klimaerwärmung und der Ressourcenverknappung brauchen wir neue, nachhaltige Städte. Aber was genau ist gemeint, wenn von nachhaltiger Stadt die Rede ist?

Was ist eine nachhaltige Stadt?

1987 verabschiedete die UN-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung die folgende Definition für Nachhaltige Entwicklung: „[…] eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Es handelt sich um die Vision einer langfristigen Entwicklung, die sich auf drei miteinander in Wechselwirkung stehenden Säulen stützt: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Die Schnittmenge dieser drei Säulen oder Bereiche ist die nachhaltige Entwicklung.

Eine „nachhaltige“ Stadt ist auf die Einbeziehung und Berücksichtigung der Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung und auf ein Zusammenwirken der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit, des sozialen Zusammenhalts und des Umweltschutzes ausgerichtet. In der Praxis erfordert dies Maßnahmen in Bezug auf Wohnwesen, Erziehung, Arbeit, Kultur, Gesundheitswesen, Ressourcenwirtschaft (Energie, Wasser usw.), Transportwesen, Raumplanung, Mobilität usw.

Viele Städte leiten ihre Wende mit der Schaffung von Ökovierteln ein, in denen die wichtigsten Prinzipien der ökologischen Stadtplanung in kleinerem Maßstab angewendet werden: Baumethoden und -stoffe zur Verringerung des Energieverbrauchs, Optimierung der Mobilität mit weniger Autoverkehr und Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel, Förderung der Artenvielfalt, Abfallvermeidung, Regenwassernutzung usw.

Einige Beispiele nachhaltiger Städte

Häufig wird die „nachhaltige“ Stadt mit der „umweltfreundlichen“ oder „grünen“ Stadt verwechselt. Für die nachhaltige Stadtentwicklung müssen neben dem ökologischen jedoch noch weitere Aspekte berücksichtigt werden, weshalb die so genannten „nachhaltigen“ Städte nicht alle auf die gleiche Art nachhaltig sind.

London – der Champion unter den nachhaltigen Städten

ARCADIS veröffentlicht jedes Jahr sein Ranking der nachhaltigen Städte, das 2018 von London angeführt wurde. Die britische Hauptstadt verdankt ihren ersten Platz einem guten „Gesamtdurchschnitt“, aber vor allem guten Ergebnissen im menschlichen Bereich, der beispielsweise das persönliche Wohlergehen (Gesundheit, Bildung, Kriminalität), das Berufsleben (Einkommensungleichheit, Anzahl der Arbeitsstunden) und das städtische Leben (Zugang zu Verkehrsmitteln, digitale Dienstleistungen) umfasst, und im wirtschaftlichen Bereich. Dieser wirtschaftliche Bereich umfasst ein breites Spektrum an Kriterien, wie die Effizienz der Verkehrsinfrastrukturen, die Wirtschaftsleistung (Pro-Kopf-BIP, Arbeitslosenquote, Tourismus usw.) oder die Qualität der Unternehmensinfrastrukturen (Anschluss an Mobil- und Breitbandnetzwerke, technologische Forschung an Hochschulen). Die Umweltleistung Londons ist mit einem Platz im ersten Viertel des Rankings zwar nicht schlecht, zählt aber nicht wirklich zu den Stärken der Stadt.

Die Länder Nordeuropas sind führend bei der Umwelt

Centre ville Stockholm

Bei Betrachtung der Umweltleistungen liegen erwartungsgemäß die nordeuropäischen Städte an der Spitze: An erster Stelle Stockholm, gefolgt von Kopenhagen, Oslo, aber auch Frankfurt, Zürich, Wien und Berlin. Sie verfügen in der Regel über viele Grünflächen, eine bessere Luftqualität, ein gut funktionierendes Abfallmanagement und häufig über mehr Investitionen in emissionsarme Verkehrsinfrastrukturen – insbesondere in Radwege – als Städte mit niedrigeren Umweltnoten.

Bei den Aspekten der Ökonomie wird das Ranking von den großen Finanzplätzen Singapur, London und Hongkong angeführt.

Paris, die erste französische Stadt in dieser Liste, liegt an fünfzehnter Stelle. Zwar erreicht sie einen guten Platz bei den menschlichen Aspekten (dritte Position) und somit bei der Lebensqualität, aber in Bezug auf die Umwelt hinkt sie noch hinterher.

Energiemanagement in der nachhaltigen Stadt

Die nachhaltige Stadt strebt danach, ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und deren Einsatz zu begrenzen. Ein zentrales Anliegen ist die Energieeinsparung – oft mit dem Ideal der Energieneutralität oder -autarkie. In Frankreich werden 45 % der gesamten Energie von Gebäuden für Heizung, Beleuchtung, Klimaanlage, Warmwasser und elektrische Geräte verbraucht. Der Baubereich birgt daher ein hohes Potenzial für Einsparungen.

In den Ökovierteln sind die Gebäude so konzipiert, dass sie sich selbst mit Strom versorgen können. Dies beinhaltet oft den Einsatz erneuerbarer Energien (wie die Installation von Solarmodulen), aber auch die Isolierung zur Vermeidung von Wärmeverlust. Dieses Ziel des sparsamen Energieverbrauchs wird bereits in der Entwurfsphase integriert. Die bioklimatische Architektur zielt darauf ab, auf natürliche Weise und unter Ausnutzung der Umgebungsbedingungen des Standortes optimale Lebensbedingungen (Temperatur, Helligkeit, Feuchtigkeit, Belüftung) zu schaffen. So werden beispielsweise die Höhe des Gebäudes und sogar seine Tiefe, die Ausrichtung, die verwendeten Materialien und vieles mehr berücksichtigt. Nicht zu vergessen sind natürlich so grundlegende Umweltmaßnahmen wie das Ausschalten von Licht, die Verwendung von Energiesparlampen, das Ausschalten der Elektrogeräte, anstelle sie im Standby zu lassen, mäßiges Heizen oder Kühlen etc.

Mobilität in der nachhaltigen Stadt

ZOE en ville zoom
Als großer Erdölkonsument und einer der größten Verursacher von Treibhausgasemissionen steht der Verkehr ebenfalls im Mittelpunkt der Bemühungen um eine Reduzierung des Energieverbrauchs. Sowohl aus Gründen des Umweltschutzes als auch der Lebensqualität fördert die nachhaltige Stadt eine sanfte Mobilität, an deren Spitze der öffentliche Nahverkehr steht, aber auch das Radfahren und Zufußgehen.

Die Zersiedelung der Stadtrandgebiete macht für viele die Nutzung eines eigenen Autos erforderlich und geht zu Lasten der landwirtschaftlichen Flächen oder der natürlichen Umwelt. Die nachhaltige Stadt ist daher eine dichtere, kompakte Stadt, um die autofreie Mobilität zu fördern. Neben einem starken Ausbau von Rad- und Fußwegen und umfangreichen Investitionen in öffentliche Verkehrsmittel (Bus, U-Bahn, Straßenbahn) haben sich einige Stadtteile für eine Flotte gemeinsam genutzter, meist elektrischer Fahrzeuge entschieden, wie z.B. in Lombok, einem Ökoviertel in der Stadt Utrecht in den Niederlanden.

Die großen Städte entscheiden sich zunehmend für diese gemeinsame und elektrische Mobilität, indem sie zahlreiche Carsharing-Angebote im Selbstverleih entwickeln. Mit seiner „Null Emission“ beim Fahren* und seiner Fähigkeit, die eigenen Fahrzeuge von 5 bis 10 Personen zu ersetzen, hat das Elektro-Carsharing bereits viele Städte wie Madrid erobert, das oft als Beispiel angeführt wird.

Was ist der Unterschied zwischen einer „nachhaltigen“ Stadt und einer „Smart City“?

Das Konzept der „nachhaltigen“ Stadt gleicht in vielen Dingen dem der „Smart City“. Aber es ist nicht ganz dasselbe. Eine Smart City oder intelligente Stadt nutzt die Informationstechnologien, um ihre Funktionsweise und die Verwaltung ihrer Ressourcen zu optimieren und ihre Kosten zu senken. Dank einer Reihe von Sensoren sammelt die Stadt Daten, mit denen sie ihr Dienstleistungsangebot kontrollieren und anpassen kann – manchmal in Echtzeit. Dies betrifft beispielsweise Strom, Wasser, Verkehr, Abfall, aber auch Schulen oder Krankenhäuser. Eine Smart City ist in gewisser Weise eine vernetzte Stadt.

Nachhaltige Stadtentwicklung und das Konzept der Smart City können miteinander kombiniert werden, da die Intelligenz der Stadt für ihre nachhaltigen Ziele genutzt werden kann.

Obwohl das Konzept der nachhaltigen Stadt manchmal etwas vage scheint und von den Umweltaspekten überschattet wird, lässt sich eine Bewegung zur Umgestaltung der Städte beobachten, um den Herausforderungen von heute und morgen gerecht zu werden.

 

* Weder CO2-Emissionen noch regulierte Luftschadstoffe beim Fahren, ausgenommen Verschleißteile

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