Kompakte Stadt: hin zu einem neuen Stadtmodell?

Verfasst von am 17.01.2020 - 4 min

Im Hinblick auf Energiesparen und Umweltschutz stößt die weitreichende Stadtzersiedelung an ihre Grenzen. Ihr gegenüber steht das Konzept der kompakten Stadt. Aber was beinhaltet dieses neue Urbanisierungsmodell?

Was ist eine kompakte Stadt?

In ihrem Bericht Compact City Policies: A Comparative Assessment stellt die OECD fest, dass „[…] die Hauptmerkmale einer kompakten Stadt ein verdichtetes, durch Nähe geprägtes Entwicklungsmuster, durch öffentliche Nahverkehrssysteme verbundene bebaute Gebiete und der Zugang zu Dienstleistungen und Arbeitsplätzen direkt vor Ort sind.“ Mit anderen Worten: Die kompakte Stadt ist verdichtet und vereint an einem Ort alle Bedürfnisse der Bürger (Wohnraum, Arbeit, Dienstleistungen). Diese intensivere Raumnutzung hat zum Ziel, ein Überlappen der Stadt auf Landwirtschafts- und Naturflächen zu beschränken, die Mobilitätsbedürfnisse der Bewohner abzudecken und den Energieverbrauch zu optimieren.

Die kompakte Stadt bekämpft die Stadtzersiedelung, bei der seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Stadtfläche schneller als die Bevölkerung gewachsen ist. Diese Fragmentierung führt insbesondere zu einer massiven Nutzung des Autos und hohen Kosten für die Errichtung und den Unterhalt der Infrastrukturen: Straßen, Wasser, Gas, Telefon, Strom, Abfallentsorgung usw.

Unterschiedliche Merkmale einer kompakten Stadt

Die Einwohnerdichte führt zu einer intensiveren Raumnutzung, bei der nicht das Einfamilienhaus mit Garten, sondern eine verdichtete Bauweise im Mittelpunkt steht. Städtische Ballungsräume liegen nah beieinander und sind von Naturflächen wie einem grünen, unbebaubaren Streifen klar abgegrenzt. Grundlage der Mobilität ist vor allem ein umfangreiches Nahverkehrssystem. Die Mischung und die Konzentration der Dienstleistungen innerhalb eines begrenzten Radius (Arbeitsplätze, Supermärkte, Restaurants, medizinische Dienstleistungen, Schulen usw.) sorgt dafür, dass sie für die meisten zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sind.

Amsterdam: Beispiel einer kompakten Stadt in Europa

Stadt Amsterdam kompakt

Die Niederlande sind das Land, das die Grundsätze der kompakten Stadt bei seiner urbanen Entwicklung am konsequentesten umgesetzt hat. Das Ziel? Die Bekämpfung des Niedergangs der Städte, nachdem die Mittelschicht begann, sich ins Umland zurückzuziehen. Auf brachliegenden Flächen in der Stadt wurden Wohnungen gebaut und Gebäude für eine neue gemischte Nutzung (Wohn- oder Gewerbeflächen) saniert oder umgewidmet, wie etwa im verlassenen östlichen Hafengebiet von Amsterdam. Seit 2011 wurde höher und höher gebaut, um die mangelnde Fläche auszugleichen. Neue Bürogebäude entstehen in vom öffentlichen Nahverkehr gut erschlossenen Bereichen, um Wohnraum zu fördern.

Der Platz des Elektroautos in der kompakten Stadt

Bei einer dichteren Besiedelung ist Mobilität in der kompakten Stadt äußerst wichtig, um Staus auf den Straßen einzudämmen und die Luftverschmutzung durch den Verkehr zu begrenzen. Die kompakte Stadt soll die Fortbewegung mithilfe öffentlicher Verkehrsmittel, per Rad oder zu Fuß fördern. Aber auch elektrische Shared Mobility hat ihren Platz zur Befriedigung weiterer Mobilitätsbedürfnisse und begrenzt zugleich manche Probleme  (CO2-Emissionen, Lärm, Verkehrsaufkommen) unter Einhaltung der neuen Vorschriften in den Innenstädten. Ein Weg, den immer mehr Städte und Ökoviertel einschlagen, wo elektrische Carsharing-Dienste florieren – wie etwa in MadridUtrechtAmsterdam oder Paris. Eine umfassende, für alle zugängliche Lösung, die Intermodalität fördert und nachhaltige Bewegungsfreiheit gewährleistet.

Der Bevölkerungsanstieg und zunehmende Online-Käufe führen zu der Frage, wie die Stadt beliefert wird. Elektrische „Zero Emission“*-Nutzfahrzeuge» haben bereits einen festen Platz im derzeitigen urbanen Ökosystem – insbesondere bei der Last-Mile-Zustellung. In Frankreich wurden bei äußerst innovativen Projekten wie Chapelle International, einem neuen Wohn- und Logistikviertel im Norden von Paris, diese Überlegungen von Anfang an berücksichtigt und Fracht und Elektroautos miteinander verbunden. Das Projekt sieht den Bau eines Logistikzentrums mit 45 000 m2 vor, in dem jeden Tag zwei Züge mit der Kapazität von 40 Sattelschleppern für die Versorgung der Hauptstadt eintreffen können. Die Hauptlogistik wird hier zentralisiert, Elektroautos übernehmen anschließend die Verteilung in der Stadt.

ZOE in kompakter Stadt

„Kompakte“ oder „nachhaltige“ Stadt?

Durch die Ansiedlung aller Dienstleistungen, die die Bewohner täglich benötigen, in der Nachbarschaft sowie die Verdichtung der Fläche reduziert die kompakte Stadt die Fahrtzeiten, fördert sanfte Transportmittel, ermöglicht die Bündelung von Investitionen in die Entwicklung der Städte und gewährleistet den Schutz von Naturflächen – damit ist sie ein nachhaltiges Urbanisierungsmodell. Ist eine nachhaltige Stadt dadurch auch zwangsläufig kompakt? Beide Begriffe scheinen in der Tat miteinander einherzugehen!

2050 werden fast 70 % der Weltbevölkerung in Städten leben: Die kompakte Stadt kann eine wichtige Rolle in der Städtepolitik spielen, um diesen Einwohnerzustrom zu bewältigen und zugleich die natürlichen Ressourcen zu erhalten.

  

* Weder CO2-Emissionen noch regulierte Luftschadstoffe beim Fahren, ausgenommen Verschleißteile

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