Beschleunigung nachhaltiger Mobilität durch die Verhaltenswissenschaften

Verfasst von am 01.10.2020 - 4 min

Bei der Wahl unserer Verkehrsmittel sind wir alles andere als rational! Davon ist Jinhua Zhao, Professor am MIT, überzeugt. Dieser Forscher setzt auf die Verhaltenswissenschaften, um den Städten bei der Entwicklung nachhaltiger Mobilitätssysteme zu helfen.

Nach Angaben der französischen Energie- und Umweltagentur ist der Verkehr der größte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Frankreich. Diese Situation verlangt von den Entscheidungsträgern und Anbietern von Verkehrsdienstleistungen dringend nach alternativen Lösungen und umweltschonenderen Mobilitätssystemen. Könnten die Verhaltenswissenschaften der Schlüssel zu einer erfolgreichen Wende sein? Im französischen Forschungszentrum Paris Saclay, wie auch am MIT, halten immer mehr Forscher das für möglich…
Sustainable mobility

Entwicklung neuer Formen der Mobilität mit Hilfe der Verhaltenswissenschaften

„Meine Überlegung basiert hauptsächlich auf der Erkenntnis, dass die Verkehrssysteme je zur Hälfte aus physischen Infrastrukturen und aus Menschen bestehen“, erklärt Jinhua Zhao, leitender Professor des neuen JTL Urban Mobility Lab am MIT. Jahrzehntelang haben sich die Entscheidungsträger jedoch auf technologische Innovationen und die Entwicklung zunehmend multimodaler städtischer Verkehrsangebote konzentriert, ohne sich eingehender mit dem Verhalten der Nutzer zu beschäftigen. Die Verkehrsdienstleister waren der Meinung, dass sich die Nutzer bei ihren täglichen Fahrten fast ausschließlich an rationalen Kriterien orientieren … Und die Verkehrssysteme basieren zum größten Teil auf der Idee, dass die Menschen immer das schnellste oder das günstigste Verkehrsmittel wählen.

Dieser normative Ansatz bewirkte jedoch keine tiefgreifende Änderung des Nutzerverhaltens. „Es scheint daher notwendig zu sein, den Beitrag der Verhaltenswissenschaften, insbesondere der Sozialpsychologie, stärker zu berücksichtigen, um Lösungen zu schaffen, die eine dauerhafte Veränderung der Verkehrsentscheidungen ermöglichen“, schrieb Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz 2019. „Menschen treffen Entscheidungen auf ganz unterschiedliche Weise. Die Vorstellung, dass Menschen aufwachen und den Nutzen des Autos im Vergleich zum Bus, zum Zufußgehen oder zum Fahrrad berechnen und dann das Verkehrsmittel mit dem maximalen Nutzen wählen, entspricht nicht der Realität”, sagte Professor Jinhua Zhao in einem MIT-Artikel mit dem Titel Was bewegt die Menschen?.

Sollten wir angesichts der Dringlichkeit des Klimawandels die Bürger dazu zwingen, ihr Verhalten zu ändern?

Auf welche Daten sollte man sich konzentrieren, um nachhaltige Mobilitätssysteme zu entwickeln? Nach 20 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit, insbesondere am MIT, konzentriert sich der Forscher und Direktor des Labors für Mobilität am MIT nun auf drei Themen: die emotionalen Aspekte des Verkehrs, die Frage, wie diese auf die Gestaltung der Mobilität zutreffen, und die Beziehung zwischen Mobilität und öffentlicher Politik.

Ein innovativer Ansatz, mit dessen Hilfe er beispielsweise den Erfolg multimodaler Tickets, die Auswirkungen von Reduzierungen der Fahrkartenpreise auf die Fahrgastzahlen, die Folgen des Stolzes, den manche Autofahrern am Steuer ihres Fahrzeugs empfinden oder die Beeinflussung der Vorlieben bei Fahrgemeinschaften durch Rassen- und Klassendiskrimination verstehen kann.

Durch eine zielgerichtete Auswertung können diese Daten vielfältige Möglichkeiten bieten, das Nutzerverhalten zu antizipieren und damit zu verändern. „Die verschiedenen Disziplinen der Human- und Sozialwissenschaften tragen dazu bei, die Verhaltensweisen zu verstehen, Blockaden besser zu erkennen und zu antizipieren und die nötigen Instrumente zu finden, um die Wende hin zu nachhaltigeren Formen der Mobilität zu begleiten. Um effizienter handeln zu können, müssen diese verschiedenen Ansätze jedoch kombiniert werden“, erklärte auch Anaïs Rocci, Spezialistin für die Analyse der Änderungen von Mobilitätspraktiken, 2018 im Rahmen eines Workshops in Saclay zum Thema: „Neue Formen der Mobilität im Lichte der Human- und Sozialwissenschaften“.

Werden die Kommunen bereit sein, diese Daten zu nutzen, um transparente, integrative und nachhaltige Mobilitätssysteme zu entwickeln, ohne die Konfrontation mit noch tief in der Gesellschaft verwurzelten Wertesystemen zu scheuen? Wie zum Beispiel dem Auto als Statussymbol, was – wie früher in vielen Industrieländern – heute noch in einigen Schwellenländern gilt. „Wir stehen am Anfang der tiefgreifendsten Veränderungen in der Welt des Verkehrs mit einer beispiellose Kombination neuer Technologien, wie autonomes Fahren, Elektroantrieb, AI usw.“, bestätigte Jinhua Zhao.

Und der Forscher fügte hinzu: „Neue Ziele sind hinzugekommen, wie Dekarbonisierung, öffentliche Gesundheit, wirtschaftliche Dynamik, Datensicherheit und soziale Gerechtigkeit. Wir haben nur wenig Zeit für diese Änderungen – insbesondere für die Dekarbonisierung – in einem System, das von enormen Mengen von Anlagegütern und tief in der Kultur verwurzelten Verhaltensweisen geprägt ist“, schließt Jinhua Zhao, der sich ohne zu zögern an der Reform der Verkehrspolitik des MIT beteiligt hat. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind jetzt kostenlos und die Parkgebühren wurden geändert. Ergebnis: weniger Alleinfahrten im Auto, weniger Parkplatznachfrage und zufriedene Mitarbeitende. Ein Vorgeschmack auf unsere zukünftige öffentliche Verkehrspolitik?

 

Sarah Sabsibo, L’ADN journalist
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