Das Konzept der „sensiblen“, nicht nur intelligenten Stadt

Verfasst von am 06.10.2020 - 5 min

Obwohl der Begriff „Smart City“ noch nicht im Wörterbuch steht, wird dessen Definition sowohl in gesellschaftlicher als auch technologischer Hinsicht bereits heiß diskutiert. Der Architekt, Ingenieur und Leiter des MIT Senseable City Lab, einem der bedeutendsten Smart-City-Forschungszentren, Carlo Ratti, bevorzugt die Bezeichnung „Senseable City“. Was verbirgt sich hinter diesem Konzept? Ein Interview.

Carlo Ratti. Architekt, Ingenieur und Leiter des MIT Senseable City Lab
Carlo Ratti. Architekt, Ingenieur und Leiter des MIT Senseable City Lab

Können Sie uns das Konzept „Senseable City“ erklären?

Wir leben in einer faszinierenden Zeit, in der Technologie allgegenwärtig ist. Dies hat direkten Einfluss auf unsere Art, die Stadt zu entwickeln, zu erleben und zu verstehen, insbesondere bei der Konvergenz der physischen und digitalen Bereiche. Dabei ist die Entwicklung des Internets zum Internet der Dinge („Internet of Things“) das deutlichste Beispiel. Dieser Wandel hat Städte auch „intelligenter“ gemacht. Sie wurden zu Smart Citys. Ich bin mit dieser Bezeichnung nicht einverstanden, da sie die Technologie in die Mitte ihrer Definition und ihres Konzepts stellt. Mit „Senseable Citys“ ziehe ich eine menschlichere, die Bedürfnisse der Einwohner in den Vordergrund stellende Bezeichnung vor. Bei diesen Modellen ist es an erster Stelle wichtig, die Bedürfnisse der Einwohner vorherzusehen und darauf einzugehen. Die Stadt wird zu einer sensiblen Stadt, deren Denk- und Designprozesse zur Optimierung der urbanen Räume von Beginn an auf sozialen Erwägungen basieren.

Welche Stadt vereint Architektur, Design und Technologie?

Barcelona ist ein gutes Beispiel. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass der Chief Technology Officer der Smart City zuerst ihr Architekt war. Wenn man als Architekt Einfluss auf seine Stadt haben will, muss man sich Kompetenzen in den Bereichen Daten und Technologie aneignen.

Welchen Platz sollte Technologie in der Zukunft der Städte einnehmen?

1966 formulierte der Architekt Cédric Price es meiner Meinung nach sehr treffend: „Technologie ist die Antwort. Aber was ist die Frage? “. Diese Frage war damals ebenso wichtig wie heute. Deshalb ist interessant, sie aus dem Winkel der Senseable Citys zu betrachten. Technologie kann uns das Leben tatsächlich einfacher machen. Aber wie setzt man sie verantwortlicher ein? Wie kann sie auf die größten Herausforderungen unseres Jahrhunderts, vom Klimawandel bis zur Segregation, eingehen? Technologie ist ein Werkzeug, aber sie muss mit großen gesellschaftlichen Themen vereint werden. In der Politik kann Technologie es uns zum Beispiel ermöglichen, eine Debatte über die Zukunft, die wir uns für unsere Städte wünschen, auszulösen.

Sie verteidigen also eine Vision, in der die Einwohner an der Entwicklung der Stadt mitwirken.

Genau! Es geht darum, deren Meinung einzuholen und sie durchgehend zu fragen, welche Stadt sie sich für morgen wünschen.

Wie entwickelt man diese Stadt, die mit ihren Einwohnern interagiert und sich an sie anpasst?

Mit dem Internet der Dinge geschieht das bereits. Gebäude können zum Beispiel dank Sensoren auf unsere Bedürfnisse eingehen und sich fast wie ein Lebewesen verhalten. Außerdem ist festzustellen, dass Designer und Architekten darauf bedacht sind, unsere Umgebung intelligenter und organischer zu gestalten, um besser mit ihr kommunizieren zu können. Wir sind diesen Modellen nah. 2018 haben wir mit SideWalk Labs die Dynamic Street in Toronto entwickelt: ein Versuchsprojekt, mit dem die Straßen je nach Auslastung, Uhrzeiten und Verwendungszwecken angepasst werden konnten. Wir brauchen mehr derartige Experimente in Städten, in Zusammenarbeit mit Start-up-Unternehmen oder Bürgern, um die Stadt wirklich interaktiv zu gestalten.

Man sieht immer mehr von Bürgern erstellte Smartphone-Anwendungen. Sind diese ein Mittel, um diese Senseable Citys zu entwerfen?

Diese Anwendungen eröffnen neue Möglichkeiten, neue Reflexe und eine neue Sprache. Ich denke, dass das Feedback bei diesem Vorgehen das wichtigste ist. Dieses Wort ist bei Senseable Citys von großer Bedeutung. Ich glaube sogar, dass Feedback das Wort der Smart City schlechthin ist. Die Bürger sollten stets als Hauptzutat dieser Entwicklungen verstanden werden. Ihre Meinung zu kennen ist unumgänglich.

Was kann diese Paradigmen konkret kippen, um zu jenen einer Senseable City zu wechseln?

Das ist eine Frage der demokratischen Bildung. Und jede Bildung baut auf Teilnahme auf. Städte müssen ihre Bürger involviert halten, und ihnen die Teilnahme an der Debatte ermöglichen. Im Lateinischen gibt es zwei Wörter, um Städte zu bezeichnen: Urbs, die physikalische Stadt, und Civitas, die Bürger. Zudem dachten sie, dass es das eine ohne das andere nicht geben kann. Zu diesem Paradigma müssen wir zurückkehren, um den Städten durch die Bürger ein neues Gleichgewicht zu verleihen.

Apropos Einwohnerteilnahme: 2016 haben Sie in Paris das Paris Navigating Gym Projekt, ein Boot, das von der Energie der Sportler angetrieben wurde, vorgestellt. Kann menschliche Energie zum Betrieb der Stadt von morgen beitragen?

Ich glaube nicht. Es ging darum, den Leuten vorzuführen, wie viel Energie sie produzieren. Dieses Projekt hat bedeutenden pädagogischen Wert und regt Gedanken zur Effizienz des menschlichen Körpers und der Energie, die dieser produziert und verwendet, an. Im Alltag verbraucht die „menschliche Maschine“ weniger Energie als der Tagesbedarf eines Computers.

Diese Energie dient hauptsächlich dem Überleben, um den Körper am Laufen zu halten. Allerdings kann überschüssige Energie gesammelt, transformiert und verwendet werden um externe Elemente zu versorgen, wie hier das Boot. Für eine ganze Stadt benötigt es allerdings mehr Energie als ihre Einwohner produzieren, um diese zu betreiben.

Es stimmt schon, dass menschliche Energie im Alltag für sanfte Mobilität verwendet wird. Dies sehen wir beim Laufen und Fahrradfahren. Aber auch das entwickelt sich. Beim Fahrrad wird die menschliche Energie zum Beispiel immer öfter mit einer weiteren (elektrischen) Energiequelle kombiniert, um die erste zu schonen. Es ist ein Hybrid-System. Da fließen Natürliches und Künstliches ineinander.

Paris Navigating Gym
Paris Navigating Gym

Welche Mobilitätsmodelle werden sich Ihrer Meinung nach in naher Zukunft durchsetzen?

Ich stelle mir ineinandergreifende Systeme vor. Wir haben bereits heute über unser Smartphone Zugang zu einer Vielfalt von Informationen und Optionen rund um die Mobilität. Die Zukunft liegt also in diesem vielseitigen Transportangebot. Und ich glaube da sind wir erst am Anfang. Man muss erkennen, dass da eine mächtige Dynamik im Gang ist. Hinter jeder Transportmittelwahl steht ein Bürger und eine Art, sich fortzubewegen. Letztendlich entstehen so unendliche Kombinationsmöglichkeiten, die in multimodalen Mobilitätsanwendungen zentralisiert werden.

Diese digitalen Gewohnheiten verbreiten sich schnell und bringen eine erneute Debatte über die Umweltbelastung dieser Dienste mit sich. Ist digitale Technologie Ihrer Meinung nach ein Verbündeter oder ein Feind bei der Dekarbonisierung unserer Städte?

Wir wissen dass Informations- und Kommunikationstechnologien Energie verbrauchen. Die eigentliche Frage ist vor allem: „Wie werden sie verwendet? “. Wir können diese Technologien verwenden, um Fotos auf Instagram zu posten, und diese Energie somit letztendlich verschwenden. Wir können sie aber auch verwenden, um den Stadtverkehr flüssiger zu gestalten. Die durch die Technologie ermöglichte Optimierung trägt zur Verringerung des Kohlenstoffausstoßes bei, obwohl sie zum Teil selbst dafür verantwortlich ist.

Wie sieht die Smart City Ihrer Träume aus?

Da lehne ich mich an die Vision des großen Architekten Yona Friedman an, und sage: eine Stadt die „mit dem Volk, von dem Volk und für das Volk“ gebaut ist. Alles geht von den Bürgern aus.

Zudem müssen Architekten und Designer eine größere Konvergenz von Natürlichem und Künstlichem anstreben, und herausfinden, wie diese beiden Welten effizienter zusammenarbeiten können.

 

Vincent Thobel, Journalist bei L’ADN
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