„Ein Designer versucht, mit Erkenntnissen von heute die Welt von morgen zu verbessern“

Verfasst von am 10.11.2020 - 8 min

François Leboine steht mit einem Fuß in der Gegenwart und mit dem anderen in der Zukunft. Er beschäftigt sich intensiv mit Zeit und Raum – die Entwicklung und Planung der Mobilität von morgen ist fester Bestandteil seiner Mission. Ein treffen mit dem Design-Direktor für Concept Cars bei Renault.

Die Entwicklung von Concept Cars ist per Definition Teil einer prospektiven Vision der Zukunft. Welche großen Konzepte bestimmen zurzeit Ihre Arbeit?

Mit einem Concept Car erzählen wir eine Geschichte über die Zukunft. Als Designer müssen wir uns bei solchen Projekten in wahrscheinliche Nutzungsszenarien von morgen versetzen und auf diese mit Technologien, die es manchmal noch gar nicht gibt, antworten. Ein Designer ist also zum Teil ein Zukunftsforscher. Wir tauchen die Menschen mit sensorischen und emotionalen Ansätzen in eine positive Zukunft ein.

François Leboine
François Leboine

Wo finden Sie Ihre Inspiration für Entwicklung dieser Prototypen?

Grundsätzlich achtet ein Designer auf alles, was die Zukunft beeinflussen kann. In unserer Branche sind die Projekte, von denen die Öffentlichkeit erst in zwei Jahren erfährt, die für uns aber schon seit einem Jahr abgeschlossen sind. Wir leben in der Zukunft. Ein Designer lebt von Natur aus mit dem Rest der Gesellschaft stark zeitlich versetzt. Ein Designer versucht, mit Feststellungen von heute die Welt von morgen zu verbessern. Gesellschaftliche Codes zu verstehen, ist grundlegend. Wir schöpfen aus allem, das uns unter die Augen kommt. Wir lesen viele Presseartikel. Wir versuchen, Entwicklungen in der Gesellschaft kommen zu sehen, um neuen Tendenzen bei der Ästhetik, dem Design und den Nutzungszwecken den Weg zu ebnen.

Für die Zukunft des Autos sind neue Nutzungsszenarien geplant. Insbesondere soll es zu einem „Lebensort“ verwandelt werden, damit die darin verbrachte Zeit neu investiert werden kann. Was bedeutet das konkret?

Das Auto war schon immer ein Lebensort. Doch dieser war bisher hauptsächlich dem Fahren gewidmet. Man legte es zu 80% für den Fahrer, und zu 20% für andere Insassen aus. Es geht dabei ebenfalls um Zeiträume. Die verbrachte Zeit wird rationalisiert. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man unbedingt etwas tun muss, während die Zeit vergeht. Die Reisezeit muss wieder verzaubert werden, um den Menschen zu einem Lebensgleichgewicht zu helfen. Einerseits werden sich Arbeit und Spiele ins Auto einladen, andererseits aber auch die Geistesruhe, die mir in unserer Gesellschaft besonders wichtig erscheint.

Das wird den Fahrzeuginnenraum radikal verändern…

Wir erleben eine elektrische Revolution, dank der wir sämtliche Fahrzeugarchitekturen überdenken können. Dies gibt uns die Gelegenheit, den Bauteilen des Fahrzeugs weniger, und den Insassen mehr Platz zu bieten. Trotz immer mehr technologischen Inhalten, können Elektroautos im Design flexibler werden. Die Innenräume werden sich den Bedürfnissen der Insassen wesentlich besser anpassen als zuvor. Zuerst schaffen wir mehr Lebensraum an Bord. Wir vereinfachen das Fahren auf radikale Weise mit FAS (Fahrerassistenzsystemen) und können mehr Modularität einführen. Neue Batterie-Generationen eröffnen noch weitere Möglichkeiten. Die echte Revolution des Innenraums geht von kleineren, leichteren und robusteren, aber auch flexibleren Batterien aus, die direkt in der Karosserie integriert werden.

Wann will Renault autonome Fahrzeuge herausbringen?

Auch wenn es die Fahrer nicht bemerken, sind die heutigen Fahrzeuge schon teilweise autonom. Sie können bereits die Spur halten, Notbremsungen voraussehen und eigenständig einparken. Unsere Autos sind also bereits zur Hälfte autonom. Die andere Hälfte wird genauso kommen, in nicht einmal 10 Jahren, ganz allmählich. Diese Autonomie wird sich ebenso natürlich wie transparent in unserem Nutzungsverhalten durchsetzen, obwohl es sich aus technologischer Sicht um eine Revolution und einen radikalen Wandel unseres Bezugs zum Auto handelt.

 
„Erweiterte Realität im Auto wird uns helfen, die Fahrt einfacher und angenehmer zu gestalten“

Wird sich erweiterte Realität im Fahrzeuginnenraum durchsetzen?

Der landschaftliche Aspekt sollte sich der Fahrt nicht entziehen. Ich glaube fest daran, dass erweiterte Realität diesen bereichern kann. Eine Fahrt ist ein Sinneserlebnis, das weit über eine visuelle Erkundung hinaus geht. Erweiterte Realität im Auto wird uns helfen, die Fahrt einfacher und angenehmer zu gestalten. Ich stelle mir vor, wie sie dem Fahrer und den Fahrgästen wichtige Informationen zum richtigen Zeitpunkt anbieten kann. So können wir dem Informationsüberschuss und der Allgegenwärtigkeit von Bildschirmen im Innenraum entgegenwirken. Doch die erweiterte Realität wird der Reise dank künstlicher Intelligenz auch eine neue Dimension verleihen, indem sie die Insassen ermutigt, die durchquerten Orte besser kennenzulernen. Ich fände es schade, die Insassen in eine vollkommen virtuelle Welt zu tauchen.

Es ist ebenfalls oft von „intelligenten Autos“, also Fahrzeugen, die Ihren Gemütszustand berücksichtigen, die Rede. Welche Innovationen kann man auf diesem Gebiet erwarten?

Es wird ja bereits daran gearbeitet, die Autos autonomer zu machen. Fahrererkennung ist ebenso bereits verfügbar. Diese ist besonders beim Carsharing sehr nützlich. Bald werden Fahrzeuge die Einstellungen jedes Fahrers automatisch speichern. Dies ist beim Carsharing praktisch, und wir glauben, dass dieses Nutzungsmodell sich immer mehr verbreiten wird. Mit steigender Empfindlichkeit der Sensoren werden Fahrzeuge auch besser auf den Gemütszustand des Fahrers reagieren können. Aus digitaler Sicht müssen wir bloß darauf achten, dass Fahrzeuge nicht zu sehr unsere Privatsphäre verletzen, wie es zum Beispiel bei Smartphones der Fall ist.

Träumen wir ein Bisschen… Wie sehen Sie die Zukunft des Automobils im Jahr 2050?

Maßstäbe der Zukunft festzulegen ist eine interessante Übung. Ich glaube, dass das Automobil sich in ein globales Mobilitätsschema einfügen wird, in dem Autos, Züge und Flugzeuge einander ergänzen. Wir müssen die Relevanz des Automobils neu definieren, indem wir auf seine Fähigkeit, eine emotionale Beziehung zum Fahrer aufzubauen, eingehen. Die vermittelten Emotionen werden das Automobil grundlegend von anderen Transportmitteln unterscheiden. Das ist der Knackpunkt.

Wie kann Fahrzeugdesign in Zukunft Umweltaspekte besser berücksichtigen?

Der Designer ist ein Bürger wie jeder andere auch. Allerdings trägt er besondere Verantwortung, da er direkten Einfluss auf unser Konsumverhalten hat.
Ein Designer ist es gewohnt, mit Beschränkungen zu arbeiten. Der Umweltaspekt trägt neue Beschränkungen mit sich und läuft auf eine zentrale Herausforderung hinaus: Gegenstände müssen sowohl auf funktionaler als auch auf ästhetischer Ebene langlebiger werden. Wir müssen den Entwicklungsprozess von Automobilen vollkommen überdenken, um die CO2-Bilanz so günstig wie möglich zu halten.

 
„Wir verspüren alle ein Verlangen nach Bedeutung in dem, was wir heute tun. Es reicht ja nicht, einfach ein Armaturenbrett aus Bambus anzubieten. “

Wie wird das bei der Verwendung von recyceltem Material und geringerem Einsatz von Plastik umgesetzt?

Das hat man ständig im Kopf. Nun müssen wir die Prozesse beschleunigen. Das hat bei uns höchste Priorität und ist für die Automobilbranche unumgänglich. Wir verspüren alle ein Verlangen nach Bedeutung in dem, was wir heute tun. Es reicht ja nicht, einfach ein Armaturenbrett aus Bambus anzubieten. Hinter der Fassade stellen wir uns folgende Fragen: Woher stammt dieser Werkstoff? Wie ressourcenintensiv ist dessen industrielle Herstellung? Wie sieht es mit dem Recycling und der Lebensdauer aus? Die Auswahl eines Werkstoffes muss auf diese Fragen genaue Antworten finden, und abwägen, welche Folgen die Verwendung dieses Werkstoffes in einem gegebenen Kontext nach sich zieht.

Verringerte Lärmbelastung scheint im Innenraum, aber auch außerhalb des Fahrzeugs eine große Rolle zu spielen. Welche Möglichkeiten bestehen da?

In Zukunft dürften wir relativ problemlos ein völlig geräuschloses Fahrzeug herstellen können, abgesehen von dem schwer zu vermeidenden Rollgeräusch der Reifen auf der Fahrbahn. Wegen dieser Stille muss die Geräuschkulisse des Autos jedoch neu gestaltet werden. Die nächste Frage ist dann sofort: Wie sollen die Leute ein Elektroauto näherkommen hören? Wie gibt man das Gefühl für Geschwindigkeit, Bewegung, Beschleunigung und Bremsung wieder? Wir haben diese Fragen schon seit 2012 mit dem ZOE beantwortet, aber zu dem Thema machen wir uns weiterhin Gedanken, sei es der Sicherheit oder der akustischen Identität des Fahrzeugs wegen. An Bord können Motorgeräusche dem Fahrer als Informationsquelle dienen, und als Identitätselement der Marke wirken. Zudem können sie aus dem Winkel des allgemeinen Fahrerlebnisses im Fahrzeuginnenraum betrachtet werden. Diese Aspekte werden bei der Entwicklung unserer Fahrzeuge bereits berücksichtigt. Dies wird immer mehr der Fall sein, damit das Fahrzeug besser mit den Insassen interagiert und weiterhin trotz stärker werdenden Restriktionen ein Vergnügungsobjekt bleibt.

Ist Carsharing bei der Entwicklung eines Concept Cars ein wichtiger Faktor?

Natürlich! Und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil es zu viele Fahrzeuge gibt. Der Fahrzeugbestand muss verringert bzw. begrenzt werden. Dies ist auch eine Antwort auf die Frage der Nutzerkosten. Die Benutzer werden immer deutlicher merken, dass sie ihr Fahrzeug nicht ständig benutzen. Dann wird schnell klar, dass diese Standzeit – rein finanziell gesehen – durch mieten oder tauschen optimiert werden kann. Es macht daher Sinn, Fahrzeuge anzubieten, die das nicht nur ermöglichen, sondern wünschenswert machen.

Sie haben an dem Concept Car „MORPHOZ“ gearbeitet. Können Sie uns von der Entwicklung dieses Projekts erzählen? Welche Herausforderungen gab es bei diesem Modell?

Zuerst galt es, von der neuen Elektrofahrzeuggeneration von Renault zu reden. Damit ist ungefähr das, was ich die „2.0-Version der Elektrofahrzeuge von Renault“ genannt habe gemeint. Zweitens sollte klargestellt werden, dass der MORPHOZ nicht „nur“ ein Elektroauto, sondern ein vollwertiges Fahrzeug an und für sich ist. Er berücksichtigt die gesellschaftlichen, soziologischen und geschichtlichen Codes des Automobils, aber auch die Codes der Zukunft. Wir wollen ebenfalls die Freude am schönen, wohlgeformten Objekt erhalten. Er entspricht den Herausforderungen der Zukunft. Er passt sich an das ihn umgebende Ökosystem an und ist im Einklang mit einer Welt, die immer vernünftiger wird.

Concept Car MORPHOZ, Illustration: Marco Brunori
Außenansicht des Concept Cars MORPHOZ

Für den MORPHOZ ist das Konzept „Vehicle to Grid“ von Zentraler Bedeutung. Was ist damit gemeint?

Das „Vehicle to Grid“ Konzept bezeichnet die Möglichkeit, das Fahrzeug in das globale Stromnetzwerk einzuspannen, um Energie zu speichern und bei Bedarf wieder ins Netz einzuspeisen. Der MORPHOZ baut auf dieser Idee auf. Mit der „Vehicle to Grid“ Funktion kann ich die Energie, die ich dem Netzwerk entnehme, auch wieder an das Netzwerk zurückgeben („Grid“ bedeutet „Netzwerk“ auf Englisch). Ich kann sie der Stadt, meiner Umwelt, oder an andere Fahrzeuge zurückgeben. Der MORPHOZ ist also nicht nur ein Elektrofahrzeug, sondern auch eine Energiespeicheranlage im Dienste der Allgemeinheit.

 

Cédric Couvez, Journalist bei L’ADN
L’ADN ist das Innovationsmedium im Web und im Zeitschriftenformat, das jeden Tag die besten Konzepte der neuen Wirtschaft analysiert.

 

 

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