Elektromobilität und Ressourcen: zu einem neuen Kreislaufparadigma

Verfasst von am 21.10.2020 - 12 min

Nachhaltige Lösungen für Städte entwickeln, Mobilität überdenken und die Energiequellen von morgen erfinden: dafür steht die Partnerschaft zwischen Groupe Renault und der Ellen MacArthur Stiftung, bei der Kreislaufwirtschaft im Mittelpunkt steht. Jean-Philippe Hermine, Strategie- und Umweltplandirektor von Groupe Renault und Jocelyn Blériot, Executive Officer und Verantwortlicher für internationale Institutionen und Regierungen für die Ellen MacArthur Stiftung, erklären uns ihre Vorgehensweise. Ein Interview.

Könnten Sie uns die Entstehung der Partnerschaft zwischen Groupe Renault und der Ellen MacArthur Stiftung erklären?

Jocelyn Blériot: Groupe Renault gehört zu den Gründungspartnern der Stiftung. Vor der offiziellen Gründung am 2. September 2010 kam Ellen zu Renault, ihrem langfristigen Partner beim Segelsport, um ihm mitzuteilen, dass sie den Segelsport aufgeben wollte. Darauf folgte eine Diskussion ihrer Pläne für die Zukunft, die damals erst Ansätze waren. Renault sah schnell Potenzial in der Gründung ihrer Stiftung und wollte ihr Vorhaben unterstützen.

Jean-Philippe Hermine: Zu diesem Zeitpunkt tauchte die Idee der Kreislaufwirtschaft gerade auf, bevor sie von der Ellen MacArthur Stiftung sehr weit verbreitet wurde. Unser Ziel war es, gemeinsam zu beweisen, dass diese Vorgehensweise Wert schaffen und gleichzeitig zur Lösung von Umweltproblemen beitragen kann.

Fotos von Jean-Philippe Hermine und Jocelyn Blériot
Jean-Philippe Hermine und Jocelyn Blériot

Wie beeinflussen Ihre Positionen gegenseitig?

J-P.H: Dank der Stiftung gehören wir zu einer Gemeinschaft von Anführern und Pionieren, die sich ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen stellen. Die Stiftung steht uns bei unseren Projekten und Errungenschaften im Bereich der Mobilität beratend zur Seite. Durch die Zusammenarbeit mit der Stiftung können wir mit allen Akteuren der Wende zur Kreislaufwirtschaft – darunter auch öffentliche Akteure wie Städte und Regierungen – in Kontakt bleiben. Das ist entscheidend, da eine komplette Wende ohne die Beteiligung der Regulierungs- und Steuerbehörden nicht möglich ist. Wir reden von einem globalen Wandel.

J.B: Dass bestimmte Organisationen unsere Ideen zu Demonstrationszwecken verlässlich umsetzen können ist uns sehr wichtig. Mit Groupe Renault können wir die wirtschaftliche Machbarkeit und Rentabilität unserer Modelle belegen, um Diskussionen mit Behörden oder Akteuren des Finanzsektors anzustoßen.

Seit 10 Jahren wachsen Groupe Renault und die Ellen MacArthur Stiftung also zusammen. Wo liegen für Sie die zukünftigen Herausforderungen?

J-P.H: Die nächsten Schritte werden sehr wichtig. Dabei geht es hauptsächlich um die Leistung und das Management bestimmter Ressourcen im Lebenszyklus elektrischer Fahrzeuge, insbesondere bei den Batterien. Dabei arbeiten wir unter anderem an verlängerter Lebensdauer und besserer Wiederverwendbarkeit. Wir wollen unsere Betriebsleistung immer weiter bringen. Dazu bauen wir gerade einen Hauptstandort von Renault in Flins (Frankreich) zu einer Kreislaufwirtschaft-Plattform um.

J.B: Langfristig hoffen wir, wirklich transformative Perspektiven eröffnen zu können, indem wir auf eine der größten Herausforderungen unserer Zeit – die Dekarbonisierung des Transportwesens – antworten. Dieses Bedürfnis wird sich auf große industrielle Strategien auswirken. Das geht weit über die Transformation eines Unternehmens oder eines Sektors hinaus. Das erfordert systemische Ansätze, die Themen wie neue Stadtplanungsmodelle, intelligente Städte, deren Transportsysteme, deren Energiequellen und, natürlich, die Lebensqualität ihrer Einwohnen in Betracht ziehen.

Was ist der Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft? Wovon hängt alles ab?

J-P.H: Ich denke, das ist der systemische Ansatz. Sämtliche Gelegenheiten, die sich im Laufe eines Lebenszyklus anbieten, müssen genutzt werden. Auf der portugiesischen Insel Porto Santo zum Beispiel, speichern die Batterien der Renault ZOE Elektroautos Energie, um sie später wieder ins Stromnetz einzuspeisen. Dadurch kann die Insel intermittierende Stromerzeugung besser überbrücken und immer unabhängiger von thermischer Energie werden.

Ebenso wichtig ist es, die Funktionsweise eines Systems zu verstehen und Kommunikationswege zwischen dessen Bestandteilen herzustellen. Dabei muss die Autonomie einzelner Akteure so ausgeglichen werden, dass diese ihr Knowhow anwenden und Mehrwert schaffen können, ohne diesen Wert auf Kosten des gesamten Systems für sich selbst abzweigen zu können.

J.B: Genau. Dies erfordert eine gemeinsame Perspektive und Konvergenz rund um die Pfeiler der Wirtschaft, die man entwickeln will. Also eine kohlenstofffreie Wirtschaft, die wesentlich vernünftiger mit ihren Ressourcen umgeht als heute. Man darf nicht außer Acht lassen, dass die negativen Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten unmittelbare Kosten, wie zum Beispiel Umweltverschmutzung und übermäßige Nutzung der Ressourcen, die natürlich langfristig verheerend sind, mit sich bringen. Wenn die Gesellschaft weiterhin diese Kosten tragen muss, wird eine Kreislauflogik schwer umsetzbar.

Das Thema Batterien scheint Ihre Bemühungen bei der Kreislaufwirtschaft zu katalysieren…

J-P.H: Die Batterie ist tatsächlich ein Autobauteil, das mit der Elektrifizierung immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Die für die Dekarbonisierung unumgängliche Batterie wirft jedoch aufgrund der Umweltbelastung bei ihrer Herstellung einige Fragen auf.

Seit Jahren sucht der Energiesektor nach Energiespeicherlösungen. Da bieten sich Batterien natürlich an. Das ist aber noch nicht alles. Zudem können Batterien die – vorzugsweise erneuerbare – Energie auch wieder abgeben. Diesen Dienst nennt man Vehicle to Grid. Und letztendlich wird die Batterie recycelt.

Dabei gilt es, die Rohstoffe zurückzugewinnen, um neue Batterien herzustellen. So werden auf Dauer die Preise fallen und die Rohstoffvorräte geschont, was auch die CO2-Bilanz durch die Bergbauarbeiten in Grenzen hält. Auf dieses Modell arbeiten wir hin.

J.B: In gewissem Maße ist die Batterie die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts. Bisher hatten wir Fahrzeuge, die hauptsächlich Energie verbrauchten, um Mobilität anzubieten. Dank der Batterie werden sie in einer multimodalen Perspektive mit mehreren Benutzern weitere Dienste (wie stationäre Speicherung) anbieten können.
Die Entwicklung von Funktionen rund um die Batterie wirft ein neues Licht auf die Kreislaufwirtschaft. Schluss mit abbauen, herstellen, wegwerfen. Wir kommen zu langlebigen Produkten, indem wir unter anderem deren Entwicklung, Design und Herstellung überdenken, um eine maximale Anzahl von Elementen in engen Produktionszyklen zu halten und somit die Auswirkungen der Produktion auf die Umwelt zu reduzieren.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Mobilität von morgen aus?

J-P.H.: Wir müssen die intuitive Vorstellung des Autos als sehr individuellen und persönlichen Gegenstand anfechten. Man muss es schaffen, sich in ein System, in dem das Auto zu einem geteilten, Dienste verrichtenden Werkzeug wird, zu versetzen. Das ist zumindest unsere Vision.

Daher gehen wir das Fahrzeugdesign anders an, da ein Fahrzeug für mehrere Benutzer ganz andere Ansprüche bei der Lebensdauer und Modularität hat.

J.B: Der Bau des Autos von morgen ist ein soziales Bestreben, bei dem Gemeinden eine bedeutende Rolle zu spielen haben. Das spiegelt sich übrigens auch klar in ihren Agenden zum Transportwesen wieder. Gemeinden sind ebenfalls gezwungen, multimodale Lösungen zu finden, den öffentlichen Raum zu beanspruchen und die Luftverschmutzung zu bewältigen. Damit geht man auch auf gesellschaftliche und lokale Bedürfnisse ein, indem neue Wachstumsquellen geschaffen werden.

Apropos Gemeinden: Wie stehen Sie den Städten bei ihrer Entwicklung beiseite?

J-P.H: Mit unseren verschiedenen Smart City Projekten müssen wir sicherstellen, dass unsere Mobilitätsdienste an bestehende Dienste anknüpfen. Langfristig wird sich dadurch unser Geschäftsmodell intensiver mit Fahrzeuginstandhaltung und -wartung beschäftigen. Wir wissen zum Beispiel, dass bei Mobilitätsdiensten die Fähigkeit ein Fahrzeug sauber und in gutem Zustand zu halten entscheidend ist, um dem Verfall der Flotte entgegenzuwirken. Daher ist ständige Instandhaltung notwendig. Zudem müssen wir ein Fahrzeug entwickeln, das den Verwendungszwecken von tausenden Personen gerecht wird. Und das sind nur zwei der vielen notwendigen Änderungen.

Und Sie, Jocelyn? Was fällt Ihnen bei der Entwicklung der Rolle der Städte in dieser Kreislaufwirtschaft auf?

J.B:  Wir bemerken, dass Gemeinden immer mehr Gewicht in der Politik und auf der internationalen Bühne haben. Das sehen wir bei Gruppen wie zum Beispiel dem C40, wo sich Großstädte gemeinsam für die Umwelt verpflichtet haben, selbst wenn nationale Instanzen eher zurückhaltend waren. Somit werden sie zur Speerspitze der Wende und zum Experimentierfeld eines Zukunftsmodells, insbesondere in Bezug auf die Kreislaufwirtschaft, dank der Kohlenstoffemissionen gesenkt und öffentlicher Raum gewonnen werden kann.

Vincent Thobel, journalist bei l’ADN
L’ADN ist das Innovationsmedium im Web und im Zeitschriftenformat, das jeden Tag die besten Konzepte der neuen Wirtschaft analysiert.

 

 

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