Estland: Wenn Daten den Verkehrsfluss der Stadt verbessern

Verfasst von am 01.10.2020 - 8 min

Estland kommt einem nicht unbedingt als erster Gedanke in den Sinn, wenn man an die Länder mit den fortschrittlichsten Smart Cities denkt. Die Hauptstadt Tallinn ist jedoch ein Spitzenreiter in dieser Hinsicht. In der Tat musste sich dieses kleine osteuropäische Land nach dem Auseinanderbrechen der UdSSR und einem großen Computerangriff im Jahr 2007 neu erfinden und ist heute auf diesem Gebiet am weitesten. Wir sprachen mit Hannes Astok, Direktor der e-Governance Academy und Direktor für Entwicklung des Smart City Lab Tartu, ein Mitglied des „Estonian Smart City Cluster“. Er erklärt die intelligente Entwicklung von Estlands zweitgrößter Stadt, Tartu, und beschreibt uns, wie die Smart City seiner Träume aussehen würde.

Können Sie uns Ihre Funktion und die Rolle des „Estonian Smart City Cluster“ erklären?

Ich habe das Glück, zwei Funktionen zu haben: eine eher administrative in der E-Governance Academy und eine eher technologische und bereichsübergreifende im Cluster. Diese Erfahrungen geben mir die Möglichkeit, eine Brücke zwischen den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), den Unternehmen und den Verwaltungen zu bilden.

Ich arbeite an digitalen Transformationsprojekten mit den Verwaltungen und den Städten. Seit sechs Jahren verfolgt der Cluster das Ziel, Städte und Unternehmen rund um die IKT, die Verkehrsmittel und die folgende Frage zusammenzubringen: Wie kann ein gemeinsamer Raum für Überlegungen und Experimente geschaffen werden? All das im Dienste der Bürger. Unternehmen und Verwaltungen können gemeinsam neue Dinge erfinden. Nicht immer verstehen Unternehmen, wie die Verwaltung funktioniert und umgekehrt, insbesondere im Hinblick auf die Rentabilitäts- und Entwicklungserfordernisse. Aber moderne Innovation braucht diesen Zusammenschluss, den der Cluster möglich möcht.

Smart City EstonieIn Tartu haben Sie Stadtviertel aus der Sowjetzeit modernisiert. Was kommt als nächstes? Können die IKT mit dieser Modernisierung dazu beitragen, die CO2-Emissionen der Wohnungen zu reduzieren?

Ja, die IKT können Lösungen zur Reduzierung der Kohlendioxidemissionen sein. Zunächst der Emissionen im Bedarfsfeld Mobilität, aber vor allem der Emissionen im Bedarfsfeld Wohnen. Wir denken an intelligenten Wohnraum, der seine Temperatur (Heizung, Klimaanlage) bei Bedarf reguliert und die Temperatur für die kommenden Tage plant. Ein System, das beispielsweise mit Sonnenkollektoren kombiniert wird. Wir haben viele Wohnungen in Tartu renoviert und haben jetzt vor, Technologie für eine bessere Wärmedämmung einzusetzen.

Welche anderen Aspekte des städtischen Lebens sind neben dem Wohnungswesen Teil des Smart City Plans von Tartu?

Vor eineinhalb Jahren haben wir mit Hilfe von Telefonanbietern und Datenexperten den öffentlichen Nahverkehr neu gestaltet, denn das Busnetz war nicht richtig durchdacht. Durch die anonyme Analyse der gesamten Mobilitätsdaten der Bürger stellten wir fest, dass die Hauptlinien nicht an die Nachfrage angepasst waren. Wir konnten die Linien der öffentlichen Verkehrsmittel durch Änderung der Fahrpläne und der Streckenführungen neu organisieren und den Verkehrsfluss verbessern. Dies entspricht auch unserem Projekt zur Verbesserung der CO2-Bilanz, denn die Busse legen weniger Kilometer zurück.

Und dies mit Hilfe der Bürger?

Hier ist Kommunikation besonders wichtig – wir mussten erklären, wie wir mit den Daten umgehen. In diesem Fall verwenden wir die Daten der Mobilfunkanbieter. Sie sind anonym und werden in jedem Fall für eine gewisse Zeit für die Behörden aufbewahrt. Das bringt übrigens die Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung wieder auf den Tisch. Wir müssen eine Menge Daten sammeln, sie speichern, aber auch an die Privatsphäre der Bürger denken. Die Städte von heute wissen nicht genau, welche Daten gesammelt und wie sie gespeichert werden, oder was mit ihnen geschehen soll. Das ist die nächste Herausforderung: herausfinden, was man mit diesen Daten tun kann. Wenn Datenwissenschaftler und Städte zusammenarbeiten, wird es möglich sein, Ideen dafür zu finden.

Neben der technologischen Nutzung steht die Smart City in erster Linie im Dienste der Bürger. Wie sieht es mit den Bereichen Gesundheit und Soziales aus?

Leider ist die Gesundheit in Estland nicht Sache der Städte. Aber beim Sozialwesen stellt sich die folgende Frage: Wie kann man den Bürgern ermöglichen, selbstständig zu leben? Sind Sensoren nötig, um sich normal zu Hause zu bewegen? Wie kann man ältere Menschen oder Menschen mit geistiger bzw. körperlicher Behinderung überwachen, ohne von Big Brother und Videoüberwachung zu sprechen? Wir müssen einen Weg finden, dies zu tun, ohne in die Privatsphäre der Menschen einzudringen. Wir haben daran gedacht, die täglichen Aktivitäten mit Hilfe des Kühlschranks, der Toiletten und des fließenden Wassers aufzuzeichnen. Und wenn keine Aktivität registriert wird, könnte eine externe Person gerufen werden.

Ziel ist nicht das Erheben von Daten, sondern allgemeine Muster des täglichen Lebens über einen bestimmten Zeitraum zu vergleichen. Es geht darum, das Leben für die Bürger und die Familien einfacher zu machen, da viele Esten nicht in ein Seniorenheim ziehen, sondern zu Hause wohnen bleiben wollen.

Dazu denken wir gemeinsam mit Unternehmen über Lösungen nach, die einen wichtigen Aspekt berücksichtigen: die Integration von Nachhaltigkeit und Verantwortung. All diese Fragen müssen zusammen mit den Kunden, den Bürgern, den Familien und der Regierung erörtert werden.

Developing intelligent urban solutions

Ist es möglich, diese Philosophie auf den Mobilitätssektor zu übertragen, um zu einer unabhängigeren Mobilität zu gelangen?

Bis zur Ankunft der autonomen Autos geht es darum, die öffentlichen Verkehrsmittel und die multimodalen Plattformen auf Ebene der Stadt aber auch auf Ebene des ganzen Landes zu stärken. In Estland lebt ein Drittel der Bevölkerung auf dem Land und möchte dort bleiben. Und die Frage der Mobilität gewinnt mit dem Arbeiten im Home Office zunehmend an Bedeutung. Heutzutage ist es notwendig, ein Auto zu nehmen, um den nächstgelegenen Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel zu erreichen. Die Frage stellt sich auch für ältere Menschen und Ärzte. Die ländlichen Gebiete sind weniger gut erschlossen, daran muss gearbeitet werden.

Eine mögliche Lösung ist die Schaffung eines öffentlichen Dienstes, in dem jeder zum Fahrer der anderen werden kann. Man könnte von einer öffentlichen „Uberisierung“ der Nachbarn sprechen, die Personen mit Mobilitätsproblemen bei ihren Fahrten behilflich sein könnten. Es ist auch möglich, in abgelegenen Gebieten eine öffentliche Mobilitätsagentur einzurichten, um die Mobilität zu erleichtern oder gar die „letzte Meile“ zurückzulegen. Über all das wird derzeit nachgedacht. Wichtig sind hier nicht die Daten, sondern die Vereinfachung.

Wie kann man sicher sein, dass es funktionieren würde?

Das müssen die Städte ausprobieren und nach dem „Test and Learn“-Modell vorgehen. Es ist nicht schlimm, wenn es nicht funktioniert. Wichtig ist, zu versuchen, das Leben für alle einfacher zu machen.

Welche sind Ihrer Meinung nach die drei Veränderungen, die in den nächsten drei Jahren realisiert werden müssen?

Erstens: Die Nutzung und das Verständnis der Daten, denn das ist der Schlüssel zur Zukunft. Die Konzepte der Städte werden sich ändern oder die Städte werden sich miteinander verbinden. Diejenigen, denen es gelingt, diese Daten zu verstehen und zu entschlüsseln, werden in Zukunft eine führende Rolle spielen. Als nächstes die erneuerbare und erneuerte Energie. Wir wollen viele Überlegungen zu diesem Thema anstellen. Dabei geht es jedoch nicht um Energieeinsparungen, sondern um die intelligente Nutzung der Energie im Alltag, zum Beispiel in einem geschlossenen Kreislauf. Und als Drittes würde ich sagen: die Vorhersage. Die Vorhersage der Bedürfnisse durch künstliche Intelligenz. Das wird weder Big Brother noch Minority Report sein, sondern eine Analyse auf Basis vorhersehbarer Muster, die das tägliche Leben der Bürger vereinfachen und ihre Bedürfnisse und Fragen vorwegnehmen.

Welches ist das nächste Projekt, an dem Sie arbeiten?

Wir denken über die Zukunft der Auslieferung und des Online-Handels nach. Wie kann man das System neu organisieren, so dass die CO2-Emissionen reduziert werden? Wir werden die Bürger mit Hilfe von Formularen oder Umfragen, die von Instituten durchgeführt werden, nach ihren Gewohnheiten und Wünschen in Bezug auf Lieferungen befragen. Wir denken darüber nach, ein Hub zum Abholen der Online-Einkäufe einzurichten, über die Vereinfachung der Abholungen, um unnötige Hin- und Rückfahrten der Zusteller zu vermeiden.

Wie sieht die Smart City Ihrer Träume aus?

Ich träume von einer Smart City, in der alle Dienstleistungen und Technologien, die ich irgendwie brauche, unsichtbar, aber erreichbar sind. Die perfekte Smart City wird im Voraus wissen, was ich brauche, ohne dass ich selbst danach suchen muss. Die Stadt muss einfach und flüssig sein, damit das Leben für alle einfach ist. Wenn meine Kinder zur Schule gehen, muss ich im Voraus wissen, welche Strecken sie wählen können. Den älteren Menschen könnten einfache Dienste angeboten werden, die nicht in ihre Privatsphäre eindringen. In einer perfekten Smart City kann ich alle meine Anfragen, Anträge und Anmeldungen über mein Smartphone tätigen. Im Großen und Ganzen ist die Smart City nicht nur ein Ort der Technologien und Apps, sie ist dazu da, die Verwaltung, die Mobilität, die Nutzungen und die menschlichen Beziehungen einfacher und flüssiger zu gestalten.

 

Vincent Thobel, L’ADN journalist
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