„Smart Charging am Scheideweg“

Verfasst von am 04.07.2019 - 5 min

Mit Smart Charging können die Fahrer von Elektroautos Geld sparen. Es unterstützt aber auch die Energiewende, indem es Schwankungen im Stromnetz ausgleicht. Yasmine Assef, stellvertretende Leiterin des New Business Energy-Programms, erklärt es uns.

Sie entwickeln das intelligente Ladesystem des ZOE. Wie funktioniert dieses?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass es sich beim intelligenten Laden nicht um Science-Fiction handelt, sondern dass es bereits Realität ist. Einige unserer Kunden nutzen es bereits: mit der Z.E Smart Charge App für Smartphones, die allen ZOE-Nutzern in den Niederlanden zur Verfügung steht, und mit einer spezifischen App für die Carsharing-ZOE-Flotte auf Porto Santo. Auf dieser kleinen Nachbarinsel von Madeira konnten seit der Inbetriebnahme des Dienstes Anfang 2018 bereits über 220 Anwender die 20 Elektroautos der Flotte nutzen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2020 insgesamt 100 Elektroautos auf der Insel einzusetzen, was 10 Prozent aller Autos auf der Insel ausmacht.

Intelligentes Laden oder „Smart Charging“ bedeutet, die Batterie seines Elektroautos dank seiner Konnektivität zum richtigen Zeitpunkt aufzuladen. Dabei wird das Starten des Ladens so reguliert, dass Leistungsspitzen abgefangen und die Nutzung erneuerbarer Energien gefördert werden. Die Anwender haben ferner die Möglichkeit, ihren selbst produzierten Solarstrom zu nutzen. Mit anderen Worten: Das Laden wird flexibel und lässt das Elektroauto zu einem ausgleichenden Element zwischen Angebot und Nachfrage im Stromnetz werden.

Warum ist es wichtig, Schwankungen im Stromnetz auszugleichen? Und worin liegt das Interesse für den Fahrzeugnutzer?

Die Energiewirtschaft muss zwei parallele Phänomene bewältigen: zum einen die steigende Nachfrage nach Elektrizität aufgrund der zunehmenden Elektromobilität und zum anderen die Entwicklung der erneuerbaren Energien, die nicht konstant verfügbar und dezentral verteilt sind und daher viel schwieriger zu verwalten sind als konventionelle Energieträger (wie Kernenergie, Wasserkraft oder Gas). Die Stromnetzbetreiber sind also mit einer höheren Nachfrage und einer stärker fluktuierenden Stromerzeugung konfrontiert.

Damit das Stromnetz jedoch funktionsfähig bleibt, ist eine kontinuierliche Echtzeit-Balance zwischen Verbrauch und Produktion unerlässlich, um die Netzfrequenz stabil bei 50 Hz zu halten.

Vor diesem Hintergrund ist die Einführung der Elektroautos kein zusätzliches Problem, sondern eine echte Chance! Es ist nämlich relativ einfach, den Stromverbrauch des Elektrofahrzeugs an die Netzbedingungen anzupassen, sofern es relativ lange am Netz angeschlossen bleibt: Das ist intelligentes Laden.

Durch intelligentes Laden kann der Fahrer die Nutzungskosten seines Elektroautos reduzieren. In der Praxis kann er dadurch vermeiden, seinen Stromvertrag ändern zu müssen, wenn sein Strombedarf steigt, oder zu viel Geld für seinen Strom zu bezahlen. Er hat sogar die Möglichkeit, sich seinen Beitrag zur Stabilität des Stromnetzes vergüten zu lassen.

Welche Rolle spielt Renault in der Energiewirtschaft?

Porträt von Yasmine Assef
Yasmine Assef, stellvertretende Leiterin des New Business Energy-Programms

Multiplizieren Sie die 40 kWh, die von der Batterie eines ZOE gespeichert werden, mit einer Flotte von mehreren Tausend Elektroautos: Sie erhalten einen bedeutenden Energiespeicher, der Ihnen helfen wird, das Netz zu stabilisieren und die erneuerbaren Energien aufzunehmen.

Das Laden ist nicht nur intelligent, sondern auch umkehrbar. Mit dem bidirektionalen Laden wird das Auto zu einem vollwertigen Glied im Stromnetz. Es speichert den von den erneuerbaren Energien produzierten Stromüberschuss und speist ihn wieder ins Netz ein, wenn er von den Verbrauchern benötigt wird. Dieses sogenannte Vehicle-to-Grid-Prinzip (oder V2G) ist einer der Schlüssel für den Masseneinsatz von Elektrofahrzeugen und die Reduktion der damit verbundenen Kosten.
Insgesamt sind seit Anfang 2019 in Utrecht, in den Niederlanden und in Portugal vier Prototypen des ZOE mit dieser Technologie im Einsatz. Die ZOE mit V2G-Technologie wandeln den Gleichstrom (DC) aus der Batterie direkt in netzfähigen Wechselstrom (AC) um.

Welche Herausforderungen müssen bewältigt werden, um die Interaktion zwischen Fahrzeug und Stromnetz zu stärken?

Die erste Revolution ist die Konnektivität. Mit unseren Smartphone Apps für Smart Charging stellen wir die Konnektivität direkt auf Ebene des Fahrzeugs her und sind damit unabhängig von der Konnektivität der Ladestation.

Aber abgesehen von der Technik liegt die große Herausforderung in der Arbeitsweise selbst. Bei Renault scheuen wir nicht davor zurück, unsere Rolle als Automobilhersteller zu verlassen, da die Herausforderungen des Elektroautos vielerlei Bereiche wie Mobilität, Energie, Data, Kommunen, Wohnen usw. tangieren. Der Schlüssel zur Innovation liegt in der Ko-Konstruktion, im gemeinsamen Schaffen. Wir regen verschiedene Akteure, die dies normalerweise nicht tun, zu einer Zusammenarbeit an.

Wir arbeiten mit großen Unternehmen sowie mit Start-Ups, Netzbetreibern, Stromanbietern, Datenspezialisten und natürlich mit öffentlichen Entscheidungsträgern auf mehr oder weniger lokaler Ebene … Wir ergründen beispielsweise Fragen zur Interoperabilität und der Einbindung in das Stromnetz und beteiligen uns am Austausch im Zusammenhang mit Änderungen des Rechtsrahmens. Das Elektroauto muss mit dem Smart Charging – und insbesondere der Möglichkeit, das Elektroauto als Stromspeicher zu nutzen – seinen Platz auf dem Energiemarkt finden!

Die Verständigung zwischen den Akteuren der Wertschöpfungskette ist entscheidend, mit dem Fokus auf dem Interesse des Kunden. Kurz gesagt, wir stehen erst am Anfang eines großen Abenteuers…

 

Copyrights : Halfpoint, Groupe Renault

Meistgeteilte Artikel