Judit Batayé: „Geteilte Mobilität muss als Zusammenarbeit verstanden werden“

Verfasst von am 23.10.2020 - 8 min

Bei dem Begriff „geteilte Mobilität“ denken viele Leute schnell an Fahrgemeinschaftsdienste. Tatsächlich deckt er aber eine wesentlich breitere Realität und Ziele ab. Von der Inklusivität über die Umstrukturierung unserer Innovationsweisen bis zur Verringerung der Treibhausgasemissionen. Judit Batayé, Expertin für die Zukunft der Mobilität und der Open Innovation, erklärt uns, wie die geteilte Mobilität eine wünschenswerte Zukunft ermöglicht. Ein Interview.

Durch den in dieser Gesundheitskrise geforderten sozialen Abstand scheint das Teilen als gesellschaftlicher Wert an Bedeutung zu verlieren. Welche Konsequenzen hatte die Krise auf die geteilte Mobilität? Was können wir aus dieser Krise lernen?

Judit Batayé: Ich habe diese Krise von innen heraus miterlebt, als Mitglied des Verwaltungsrats von Som Mobilitat (Fahrzeug-Sharing-Kooperative in Katalonien). Obwohl wir seit zwei Jahren starkes Wachstum genießen, ist durch den Lockdown von heute auf morgen alles zusammengebrochen. Zwischen März und Mai sind die Reservierungen um ca. 85% zurückgegangen. Das ist brutal.

In diesem Zeitraum haben wir ebenfalls viel gelernt. Natürlich haben wir uns bezüglich der sanitären Maßnahmen achtsamer gezeigt. Desinfektionsmittel und Mundschutz wurde systematisch in allen geteilten Fahrzeugen angeboten. Die Fahrzeuge wurden vor und nach jeder Verwendung gelüftet. Zudem hat uns diese Krise beigebracht, solidarischer zu sein. So haben wir sehr schnell Fahrzeuge wie den Renault ZOE zur Verfügung gestellt, damit Gesundheitsfachkräfte problemlos ihren Arbeitsplatz erreichen konnten.

 
„Der Erfolg eines geteilten Mobilitätsmodells hängt zum größten Teil davon ab, wie gut man die Daten verwalten kann”

Wir haben ebenfalls gelernt, auf das Empfinden unserer Mitbürger zu achten. Obwohl der Lockdown eine schwierige Zeit war, haben wir auch bemerkt, dass es viele unserer Mitbürger geschätzt haben, die Städte etwas leerer zu erleben. Weniger Lärm, weniger Verschmutzung und weniger CO2-Ausstoß.

Diese „sauberere“ Stadt ist ja gerade das, was die geteilte Mobilität ermöglicht. Dazu tragen wir mit emissionsarmen Fahrzeugen und optimierten Routen bei. Wir denken, dass diese Erfahrung die Städte ermutigen sollte, in Zukunft eine umfassende Politik zur geteilten Mobilität zu betreiben.

Portrait von Judit Batayé
Judit Batayé, Expertin für die Zukunft der Mobilität

Wie sieht die heutige wirtschaftliche Lage von Som Mobilitat aus?

J.B. : Wir finden zum Gleichgewicht zurück. Im Juni waren wir bei 90% des Aktivitätsniveaus, das wir im Februar 2020 hatten. Zwischen Juli und September konnten wir unseren Umsatz im Vergleich zum Februar um 150% steigern. Also legen unsere Mitbürger trotz der Gesundheitskrise weiterhin Wert auf shared mobility, obwohl die Mobilitätsfrequenz in allen Ländern zurückgegangen ist (Homeoffice, Kündigungen, Lockdowns…). Öffentliche Transportmittel werden so sehr gefürchtet, dass Leute Transportmittel für Einzelpersonen oder kleine Gruppen wie Fahrgemeinschaften, Roller und Fahrräder, bei denen das Risiko als geringer eingeschätzt wird, bevorzugen.

Geteilte Mobilität wird oft mit Vernetzung der Benutzer untereinander verbunden. Aber liegt die Zukunft der geteilten Mobilität nicht mehr darin, Daten erfolgreich zu teilen als darin, dass Mitbürger untereinander teilen?

J.B. : Ganz genau. Der Erfolg eines geteilten Mobilitätsmodells hängt zum größten Teil davon ab, wie gut man die Daten verwalten kann, um die Routen der Benutzer so fließend wie möglich zu gestalten. Ziel der Sache ist, echte MaaS (Mobility as a Service) Systeme zu schaffen. Diese müssen sowohl das Informieren, das Reservieren und die Routenberechnung (Schnelligkeit, Umweltbelastung…) mit öffentlichen und privaten Transportmitteln sowie ergänzenden Diensten so einfach wie möglich gestalten. Dieses Modell ist nicht neu. Es wurde im Jahr 2006 von dem Finnen Sampo Hietanen, der es damals als „Netflix der Mobilität“ bezeichnete, erfunden. Die Umsetzung kann jedoch aufgrund des nicht immer einfachen Zugangs zu den erforderlichen Daten Probleme bereiten. Ich bemerke jedoch, dass viele Initiativen, die in die richtige Richtung gehen, gestartet werden.

Wenn ich ein Projekt auswählen müsste, würde ich von dem Testprojekt « Renfe as a Service » (RaaS) erzählen. Es handelt sich dabei um ein umfassendes Mobilitätsexperiment, das es Ihnen ermöglicht, die Dienste der Renfe (spanische nationale Bahngesellschaft) und anderer Transportanbieter mit einer einzigen Anwendung in Anspruch zu nehmen. Die An- und Abfahrt der Benutzer zu und von Bahnhöfen wird dadurch fließender gestaltet, indem mehrere Mobilitätsdienste genutzt werden. Mit dieser Datenteilung können verschiedene Dienste besser integriert werden, um die Mobilität von Reisenden fließender zu organisieren. Ich denke, wir sollten uns alle solchen Datenintegrationsmodellen zuwenden.

Screenshot von Renfe as a Service
Renfe as a service

Mit Ihrem Beratungsunternehmen Six-Ter vertreten Sie auch die Idee einer Wirtschaft des Teilens im Dienste der Inklusivität, durch Integration der Prinzipien der sozialen und solidarischen Wirtschaft. Können Sie uns Beispiele nennen, wo die geteilte Mobilität zur Inklusivität beiträgt?

J.B. : Ich denke, dass die Inklusivität sogar ein Grundsatz der Philosophie der Wirtschaft des Teilens ist. Auch hier gibt es viele Projekte, aber mir gefällt besonders der Ansatz von Taxistop in Belgien, wo die Solidarität im Dienste der Hilfsbedürftigen ein vollwertiger Bestandteil der Zielsetzung ist, sei es bei der Unterkunft oder bei der Mobilität. Zudem könnten wir Mobicoop erwähnen. Dort gibt es ein solidarisches Transportangebot, das Hilfsbedürftigen und Menschen in Gebieten mit schlechter öffentlicher Infrastruktur helfen kann.

Im Allgemeinen denke ich, dass technologischer Fortschritt, besonders bei autonomen Fahrzeugen, ebenfalls die Inklusivität fördern wird. Ich erinnere mich noch an die Reaktion meiner 72 Jahre alten Mutter, als Sie die Annonce von WAYMO und ihrem Dienst für autonome Fahrzeuge entdeckt hat. Sie war von den sich ihr eröffnenden Möglichkeiten absolut begeistert!

Eine Wirtschaft des Teilens kann die Anzahl der Fahrzeuge pro Person, und somit die Umweltbelastung verringern. Wie erfindet sich die geteilte Mobilität neu, um diese Herausforderung stärker anzugehen?

J.B. : Um sich wirklich auf die Umwelt auszuwirken, muss die geteilte Mobilität als Zusammenarbeit verstanden werden. Alle Akteure müssen eingebunden werden: Städte, Infrastrukturen, Hersteller… aber auch von der Mobilität beeinträchtigte Berufsgruppen: Häfen, Lieferanten… weil alles miteinander verbunden ist. Die geteilte Mobilität ist also auch eine kollektive Herausforderung, bei der alle Glieder der Kette ihren Beitrag im Sinne der Nachhaltigkeit bedenken müssen. Wenn zum Beispiel die Infrastrukturen nicht mitziehen, können die Hersteller ihre elektrischen Fahrzeuge nicht verbreiten.

 
„Um sich wirklich auf die Umwelt auszuwirken, muss die geteilte Mobilität als Zusammenarbeit verstanden werden“

Um nochmal auf das Beispiel der Lieferdienste zurückzukommen: in Barcelona führen Lieferungen von Firmen wie Amazon zu immer dichterem Verkehr. Es gibt also eine logistische Gelegenheit mit dem Bau von Abgabestellen zur Entlastung des Straßensystems, was auch die Treibhausgasemissionen verringern würde. Solche logistischen Optimierungsansätze gehören ebenfalls zur geteilten Mobilität.

Daran sieht man ja, dass kollektive Koordinierung dabei unverzichtbar ist. Wie vermeidet man da Silodenken, wo jeder sich seine Lösungen separat zurechtbastelt?

J.B. : Ich glaube stark an die Idee von Mobilitätshubs. Das ist für mich das beste Mittel für „offene“ Innovation, bei der alle Akteure tatsächlich eingebunden werden. In dieser Hinsicht sind viele Projekte ermutigend. Zum Beispiel mit Railgroup, dem meiner Meinung nach innovativsten Cluster, der die Grundsätze der offenen Innovation perfekt anwendet. Auf europäischer Ebene kann man ebenfalls das EIT Urban Mobility nennen. Dies besteht aus 40 Mitgliedern (Städte, Akteure des öffentlichen Transports, Universitäten…), die zusammen über eine wünschenswerte Zukunft der Mobilität nachdenken. Hier in Barcelona vereint die Cámara de Comerç de Barcelona  (Handelskammer) verschiedene Hersteller, um die Mobilität der Zukunft zu erfinden. Neulich machte das Konsortium Barcelona Global Schlagzeilen, da es die bedeutendsten Unternehmen der Region zusammenbringt, um ein neues, nachhaltiges, sicheres, effizientes und inklusives Mobilitätsmodell zu fördern. Es hat die öffentlichen Behörden in einem Manifest zu fünfzehn konkreten Vorschlägen, um diese Mission zu erfüllen, aufgerufen. Diese beinhaltet Projekte für Parkplätze, zu Big Data und zur Neuerfindung der öffentlichen Transportmittel.
Ich denke also, dass die Zukunft der Mobilität im Teilen liegt. Nicht nur im Sinne des Teilens zwischen Endnutzern, sondern auch einer geteilten Entwicklung.

Über Judit Batayé

Über 20 Jahre Erfahrung mit Innovationsprojekten im Bereich der Mobilität.
Leiterin von Six-Ter, einer Beratungsstruktur für soziale Innovationsprojekte und nachhaltige Mobilität.
Mitglied von OuiShare für den Themenbereich „Zukunft der nachhaltigen Mobilität“.
Mitgründerin von COVIDWarriors, einer Non-Profit-Organisation, die sozialen, sanitären und technologischen Projekten in Zusammenhang zur aktuellen Krise hilft.

 

Jérémy Lopes, journalist bei L’ADN
L’ADN ist das Innovationsmedium im Web und im Zeitschriftenformat, das jeden Tag die besten Konzepte der neuen Wirtschaft analysiert.

 

 

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