Noémie Aubron: „Lowtech wird Mobilitäten beeinflussen müssen“

Verfasst von am 10.11.2020 - 8 min

Was kann uns „Design-Fiction“ zum Thema Mobilität sagen? Wie hilft sie uns, unser Nutzungsverhalten vorauszuahnen? Noémie Aubron, die Gründerin des erfolgreichen Newsletter-Blogs „La Mutante“ und Fachberaterin bei Innovationsvorgängen, erklärt uns, was „Design-Fiction“ zu bieten hat...

Noémie Aubron Portrait - Brice Coustillet
Noémie Aubron

Was bedeutet „Design-Fiction“ in Ihrer Arbeit?

Ich versuche, das Wissenschaftliche und das Rationale – ähnlich wie bei prospektiven Studien – durch Dinge zu artikulieren, die auf Intuition beruhen und achte dabei besonders auf kleine Hinweise auf Zukünftiges. Oft wirkt dieses Zukünftige heute etwas seltsam, kann aber durch diesen vorausschauenden Ansatz konkretisiert werden. Um diesem Stoff oder dieser Vision Gestalt zu verleihen, verwenden wir eher künstlerische Formate. Daher kommt das Wort „Design“ in „Design-Fiction“. Rollenspiele, Ausstellungen, Magazin-Cover, fiktive Schriften… Dinge, die sich bisher nichts zu sagen hatten, sollen verbunden werden. Der Mensch verändert sich nicht grundlegend. Es ist die Umwelt, die sich verändert. Daher ist auch die Verhaltensforschung ein sehr wichtiger Aspekt.

Wie wählt man zwischen dem Möglichen und reiner Spekulation?

Das hängt davon ab, was man vermitteln möchte und wem man ein Erlebnis näherbringt. Dabei geht es immer darum, etwas in Bewegung zu setzen. Zu spekulative Szenarien treffen nicht bei jedem Publikum auf Resonanz. In meiner Arbeit orientiere ich mich eher an wahrscheinlichen Dingen. Ich verbinde diese Arbeit lieber mit erprobten prospektiven Szenarien. Das Interessante dabei ist, das langzeitig zu Erlebende mit dem konkret Machbaren zu verbinden. Manchmal kann Spekulation sehr interessant sein, um Aufgeschlossenheit zu erwecken, aber es kann schwierig werden, dies mit dem Alltag, oder der Roadmap eines Unternehmens zu verbinden. Wahrscheinlicheres macht es einem leichter, sich etwas Reales vorzustellen, das wirklich passieren könnte. Wenn man das ernster nimmt, kann man sich besser darauf vorbereiten.

Welche Vorstellungen sind bei der Mobilität besonders interessant?

Ein für mich sehr interessantes, wenn auch etwas überzogenes und noch nicht ganz gelöstes Thema, sind autonome Systeme in der Mobilität. Ich denke, da kann man sich noch viel vorstellen. Ich denke, dahin entwickelt sich die Technologie. Aber wie sieht es mit den Nutzungsverhalten aus? Zudem kommt der Platz der Mobilität in der Stadt. Bei der „Design-Fiction“ geht es darum, ein Nutzungsverhalten in einem Kontext und einer weiteren Gesellschaft zu positionieren. Bei der urbanen Mobilität verbinden sich beide Themen miteinander. Rund um unsere städtischen Lebensweisen und daher auch unsere Art uns fortzubewegen, gibt es noch viel zu erfinden.

Geht es bei der Erkundung der Zukunft mehr um unsere Nutzungsverhalten als um Technologien?

Unser Umgang mit Nutzungsverhalten in der Mobilität ist so stark im Wandel, dass der Mensch vielleicht ein größerer Veränderungsvektor als die Technologie ist. Die bevorzugte Fortbewegungsart wird zu einer starken Tendenz. Es ist interessant sich vorzustellen, dass Soziologie genauso wichtig ist wie Technologie. Bedürfnisse und Bestreben zu erkennen, ist ebenso zentral wie die Entwicklung neuer Technologien.

Welchen Einfluss kann der Klimawandel auf die Horizonte des Publikums bei der Mobilität haben?

Der Klimawandel gehört nun zu den Gegebenheiten fast aller prospektiven Szenarien und kann nicht ignoriert werden. Ich arbeite viel mit Lowtech, die – soweit ich das einschätzen kann – zu einer Grundtendenz wird. Bei der Erkundung der Horizonte rund um das Thema Mobilität fällt die Vielfalt der Lösungsansätze für die Klimaherausforderung, von Lowtech bis zu sehr ausgeklügelten Sachen, auf. Je nachdem, welchen soziologischen Standpunkt man vertritt und welches prospektive Szenario man betrachtet, fallen die Antworten bezüglich der Nutzungsverhalten bei der Mobilität ganz unterschiedlich aus. Setzt man die Mobilitäten dem Klimawandel gegenüber, eröffnen sich ganz viele Horizonte und ebenso viele mögliche Standpunkte, abhängig von den soziologischen Kräften, die sich durchsetzen werden. Damit wären wir wieder bei dem sehr soziologischen Aspekt der Mobilität.

Welche weiteren interessanten schwachen Signale haben Sie bei der Mobilität festgestellt?

Für mich gehört die Mobilität zu einem viel weiteren Thema, und da sehe ich viele neue Nutzungsverhalten. Ich stelle mir die Mobilität als einen Zeitraum vor, in dem man viel mehr macht, als sich bloß fortzubewegen. Sie kann ein Rahmen sein, in dem man etwas anderes macht – und dies wird von autonomen Fortbewegungsmitteln ermöglicht. Die Verbindung von Mobilität und konzentrierten Nutzungsverhalten ist sehr vielversprechend.

Welche Rolle spielen die regionalen Behörden bei der Energieverteilung für die Mobilitäten der Zukunft?

Ich weiß nicht, ob wir bei der Energie unsere soziologischen Bremsen überwinden können, aber ich bin überzeugt, dass wir unseren Wohnort teilweise aus politischen Gründen wählen werden. In manchen Städten könnte man gemeinschaftliche Systeme für Energieversorgungssicherheit entwickeln wollen. Es könnte sogar genauso viele kleine Utopien und Lebensweisen wie Städte geben. Ich kann mir gut vorstellen, dass man in einer stark dafür sensibilisierten Stadt auf dezentralisierte Energiesysteme setzt, während andere Städte stärker auf technologische Strategien bauen, weil die dortige Bevölkerung darauf besser anspricht. Es werden neue Vorgehensweisen erfunden, jedoch stets mit lokalen Eigenheiten. Die Dezentralisierung der Energie, die Dekarbonisierung der Energie und eine Art Unabhängigkeit bei der Energie… Ein wahrscheinliches Szenario, ja, jedoch nicht unbedingt für alle Lebensräume.

Was kann man in dieser Zukunft mit weit verbreiteten autonomen Systemen an Bord eines autonomen Autos machen?

Arbeiten, natürlich! Aber vielleicht auch Freizeitaktivitäten. Das Auto könnte zu einem Ort für Karaoke, Spiele oder Videospiele werden. Ich stelle mir einen Raum vor, in dem gefeiert wird. Ein echter Raum für Unterhaltung, in dem man zusammen Zeit verbringt. Wie ein überdachtes Blablacar (frz. Fahrgemeinschaftswebseite), nur ohne Fahrer, wo Leute zusammen fahren, um zu spielen. Die Fahrzeit würde dazu dienen, soziale Beziehungen zu knüpfen oder zu stärken. Bei zugepackten Zeitplänen können diese autonomen Systeme Momente zum Aufatmen bieten, in denen man sich zum Beispiel um seine Fingernägel kümmern kann. Ich sehe das wie kleine Momente des Wohlbefindens, wo man sich die Zeit nimmt, sich um sich selbst zu kümmern. Die Frage ist, wie man die Fahrzeit ausschöpft, um Dinge zu erledigen, für die man sonst keine Zeit hat. Das eröffnet wiederum viele Horizonte, in Bezug auf was machbar ist, und wo innoviert werden kann.

Welchen Platz könnte virtuelle Realität in diesen Fahrzeugen haben? Verspricht diese Reisen während der Reise?

Bei der Arbeit kann sie das Fahrzeug zu einem Büro, oder zumindest zu einem für Konzentration angebrachteren Ort als der an dem man sich tatsächlich befindet, machen. So steigt man letztendlich nicht mehr in ein Fahrzeug, sondern in eine andere Welt ein. Mit virtueller Realität kann vieles machbar werden.

 

Sarah Sabsibo, Journalistin bei L’ADN
L’ADN ist das Innovationsmedium im Web und im Zeitschriftenformat, das jeden Tag die besten Konzepte der neuen Wirtschaft analysiert.

 

 

Copyrigths: Brice Coustillet, Ryoji Iwata – Unsplash