Abwechselndes Fahrverbot, differenzierter Verkehr, Umweltzonen: Wir erklären Ihnen, was damit gemeint ist.

Verfasst von am 01.05.2020 - 4 min

„Circulation différenciée“, „restricción vehicular“, „road space rationing“, „restrizioni alla circolazione delle auto“, „low emission zone“: alle Großstädte in Europa führen solche Maßnahmen ein. Wie funktionieren sie? Welche Fahrzeuge sind betroffen?

Zunächst wollen wir einige Begriffe klären: Der differenzierte Verkehr wird von den Behörden in der Regel als kurzfristige Maßnahme bei grenzwertüberschreitender Luftverschmutzung ergriffen, um deren gesundheitliche Auswirkungen zu mildern. Die Umweltzonen oder low emission zones (LEZ) sind Zonen, in denen das Befahren durch die am stärksten emittierenden Fahrzeuge dauerhaft verboten ist.

Sind abwechselndes Fahrverbot und differenzierter Verkehr dasselbe?

Das abwechselnde Fahrverbot ist das System, das vor der Einführung des differenzierten Verkehrs zum Einsatz kam. Das Prinzip war einfach: In einem von den Behörden festgelegten Gebiet (Stadtviertel, Stadtzentrum, gesamter Ballungsraum usw.) und zu bestimmten Tageszeiten durften Fahrzeuge mit einem Nummernschild mit gerader Zahl nur an den geraden Tagen fahren und Fahrzeuge mit einer ungeraden Zahl nur an den ungeraden Tagen. Dadurch wurde der Verkehr eingeschränkt. Die erste europäische Stadt, die dieses System nutzte, war Athen Anfang der 1980er Jahre. Es folgten einige italienische Städte und dann mehrere europäische Hauptstädte. In Frankreich wandte Paris dieses System erstmals 1997 an. Inzwischen wurde es in Frankreich und anderswo in Europa durch den differenzierten Verkehr ersetzt.

Was genau versteht man unter differenziertem Verkehr und Umweltzonen?

Das Prinzip besteht darin, den am stärksten emittierenden Fahrzeugen, die bestimmte Emissions- oder Ausrüstungsstandards nicht erfüllen, die Zufahrt zu einer Stadt – oder einem Stadtteil – zu verbieten. Die Funktionsweise des differenzierten Verkehrs und der Umweltzonen, die an die Stelle der abwechselnden Fahrverbote getreten sind, ist einfach. Sie basiert auf einer Einstufung mit Hilfe von Plaketten. Diese anfänglich nur lokal geltenden Aufkleber finden zunehmend auch überregional Anwendung. In Frankreich handelt es sich z.B. um die „Crit’Air“-Vignette, in Dänemark um den „Ecosticker“, in Deutschland um die „Umweltplakette“, in Spanien um die „distintivo ambiental“ usw.
In jedem Land entspricht die Plakette am Fahrzeug der Höhe der emittierten Luftschadstoffe und der Schadstoffklasse nach europäischen Standards. Die Kategorie wird anhand der Daten im Fahrzeugschein bestimmt. In Frankreich beispielsweise gibt es sechs Crit’Air-Kategorien: Elektroautos haben eine Vignette „0“ und vor 1997 gebaute Fahrzeuge eine Vignette „6“. Um herauszufinden, in welche Kategorie ein Fahrzeug fällt und um den entsprechenden Aufkleber für die Windschutzscheibe zu erhalten, muss man sich an die Behörden wenden. In Frankreich wird die Vignette online bestellt (www.certificat-air.gouv.fr) und kostet 3,62 Euro. Die Einstufung gilt für die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs.
Andere Länder oder Städte haben sich für eine Kontrolle ohne Vignette entschieden. In mehreren italienischen Städten und im belgischen Brüssel zum Beispiel werden die Nummernschilder per Kamera registriert und geprüft.

Differenzierter Verkehr und Umweltzonen in Europa

Mit Hilfe von Verkehrsbeschränkungen und Umweltzonen wollen die europäischen Großstädte die Gesundheit ihrer Einwohner schützen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verursacht die Luftverschmutzung im Freien weltweit 4,2 Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr. Mit dem differenzierten Verkehr versuchen die europäischen Städte, die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen und von der Europäischen Union genehmigten Höchstgrenzen der Schadstoffemissionen einzuhalten.
Für Stickstoffdioxid liegt der maximal zulässige Grenzwert bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³). Trotz hoher Unterschiede zwischen den Messwerten je nach Messstation liegen die durchschnittlichen Werte in Großstädten wie London, Madrid und Paris oft darüber. Im Oktober 2019 verurteilte der Europäische Gerichtshof Frankreich wegen „systematischer und anhaltender Überschreitungen“ der Stickstoffdioxid-Grenzwerte. Auf deutscher Seite fordert das Bundesverwaltungsgericht die Kommunen seit Februar 2018 auf, eine Begrenzung des Kraftfahrzeugverkehrs zur Einhaltung der EU-Emissionsgrenzwerte in Betracht zu ziehen. Die Stadt Hamburg hat deshalb auf zwei sehr stark befahrenen Straßenabschnitten ein Fahrverbot für die ältesten Dieselfahrzeuge erlassen.

Berlin

Wie funktioniert der differenzierte Verkehr?

Neben landesweit geltenden Einstufungen mit Vignetten vom Typ „Crit‘Air“ wird in der Regel auf lokaler Ebene bestimmt, welche Fahrzeugkategorien entsprechend der ausschlaggebenden Situation einer Stadt (geografisch, sozial, wirtschaftlich, verkehrstechnisch) fahren dürfen oder nicht. Bei bestimmten Belastungsspitzen gelten beispielsweise die Fahrzeuge mit den Vignetten 3, 4, 5 und 6 als zu umweltbelastend. In anderen Fällen werden nur die Fahrzeuge der Klassen 5 und 6 verboten. Somit kann das Fahrverbot entsprechend den Städten, der Schwere und der Dauer der Grenzwertüberschreitungen moduliert werden. Es kann sogar während der Dauer einer Spitzenbelastung geändert werden. Zum Beispiel dürfen in Lyon im Südosten Frankreichs bei Anwendung des abwechselnden Fahrverbots nach einer viertägigen Belastungsspitze nur die Fahrzeuge mit einer Crit’Air 0, 1, 2 oder 3 Plakette verkehren, während die Bedingungen in den ersten Tagen der erhöhten Umweltbelastung weniger restriktiv sind. In Marseille in Südfrankreich, wo im Juni 2019 erstmals der abwechselnde/differenzierte Verkehr eingeführt wurde, durften nur Fahrzeuge mit einer Crit’Air-Vignette der Kategorie 1, 2 oder 3 von 6 bis 20 Uhr im Stadtzentrum verkehren.

Tage und Zeiten des differenzierten Verkehrs und wo Sie die entsprechenden Informationen erhalten

Es ist kein Problem, die Zeiten und Modalitäten für den differenzierten Verkehr in Erfahrung zu bringen, da die Medien umfassend darüber informieren. In Frankreich können die Maßnahmen bei Überschreitung der Schadstoffgrenzwerte unter http://www2.prevair.org/ eingesehen werden. Einige GPS-Apps, wie z.B. Waze, informieren ebenfalls ihre Benutzer. In der Regel müssen die Behörden, die Maßnahmen für einen differenzierten Verkehr treffen, dies spätestens um 19.00 Uhr am Vortag mitteilen. Ferner informiert die kostenlose App „Green Zone“ über Fahrbeschränkungen in Europa. Diese App erstellt eine Karte mit Angabe der Zonen, Tage und Zeiten der Beschränkungen entsprechend den Merkmalen Ihres Fahrzeugs. Die Referenz-Website für Informationen über dauerhafte Beschränkungen ist https://urbanaccessregulations.eu/.

Verkehrsbeschränkungen und Elektroautos

In Frankreich – wie auch anderswo in Europa – ist das Elektroauto mit seiner Crit‘Air-Vignette der Kategorie „0“ der einzige Fahrzeugtyp, mit dem Sie bei abwechselndem Fahrverbot oder bei differenziertem Verkehr jederzeit und unabhängig von der Schwere der Umweltbelastung fahrberechtigt sind. Diese Autos sind auch die einzigen, die in den Umweltzonen, d.h. in den Zonen, in denen die am stärksten emittierenden Fahrzeuge ein dauerhaftes Fahrverbot haben, immer zugelassen sind. Dabei handelt es sich in der Regel um bestimmte Stadtviertel, aber Paris und London haben sich verpflichtet, bis 2030 alle Benzin- und Dieselfahrzeuge aus dem gesamten Stadtgebiet zu verbannen.

Differenzierter Verkehr und Fahrgemeinschaften

Fahrgemeinschaften
Bis es soweit ist, bleibt Ihnen die Möglichkeit, Fahrgemeinschaften zu bilden, falls Ihr Auto zu umweltschädlich für den differenzierten Verkehr ist. In der Regel gilt bei differenziertem Verkehr eine Ausnahmegenehmigung für Fahrgemeinschaften mit mindestens drei Personen an Bord, unabhängig der Kategorisierung des Fahrzeugs. Die nächste grenzwertüberschreitende Luftverschmutzung könnte daher die Gelegenheit sein, neue Freunde zu finden … oder Ihr Fahrzeug gegen ein weniger umweltschädliches Modell auszutauschen!

 

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