Free Floating: Sharing-Systeme ohne Stationszwang

Verfasst von am 30.01.2020 - 6 min

Durch den Wegfall der Leihstationen und der Reservierung hat das Free Floating die Kurzzeitmiete mit Selbstausleihe revolutioniert. Diese Angebote für Fahrräder, Autos, Motorroller und E-Scooter haben sich in Windeseile in den Städten verbreitet und tragen zur Entwicklung neuer Mobilitätsweisen bei. Wir geben Ihnen einen Überblick über die Free Floating-Programme in Europa.

Was sind Free Floating-Verleihsysteme?

Bei der Free Floating-Kurzzeitmiete können Sie, ohne es zu reservieren, ein Fahrzeug (Auto, Motorroller, Fahrrad, E-Scooter) ausleihen und dort wieder abgeben, wo Sie möchten. Sie zahlen nur für die Dauer der Miete und die zurückgelegten Kilometer (bei Autos). All dies ganz einfach mit einem Smartphone. Es ist daher eine Mietmethode mit Selbstausleihe, ohne Stationszwang, die den Benutzern absolute Freiheit und Flexibilität bietet.
Das Prinzip ist für jede Art von Fahrzeug dasselbe und vor allem äußerst simpel. Alles wird über eine mobile App abgewickelt, mit der Sie das nächstgelegene Fahrzeug ausfindig machen, es entriegeln, nach dem Abstellen wieder absperren und die Fahrt bezahlen können. Der Preis beinhaltet natürlich die Miete des Fahrzeugs, aber auch Versicherung, Kraftstoff, Strom und Parkgebühren für Autos sowie die Wartung. Bei der Rückgabe des Fahrzeugs muss der Benutzer lediglich darauf achten, dass er sich innerhalb des Geschäftsgebiets des Anbieters befindet und – was im Leben in der Gemeinschaft selbstverständlich ist – keine Behinderung für den Autoverkehr, für die Fußgänger oder sonstige Verkehrsteilnehmer darstellt!

Free Floating-Autos in Europa

Zity Paris

Das erste Pilotprogramm für Free Floating-Carsharing startete 2008 in Ulm in Deutschland. Free Floating ist somit in der Geschichte des Carsharings, die mit der Gründung von ShareCom 1987 in Zürich begann, noch jung. Viele europäische Länder wie Frankreich, Österreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien, die Niederlande, Italien und Belgien bieten diese Art von Service an. Der Marktführer ShareNow – ein Zusammenschluss von Car2Go und DriveNow – ist heute in 20 europäischen Städten vertreten, mit einer Flotte von mehr als 20.000 Fahrzeugen, die sich 3 Millionen Kunden teilen.

Die Groupe Renault beteiligt sich an der Entwicklung vieler Free Floating-Carsharing-Dienste in Europa. Darunter Aimo in Stockholm, Green Mobility in Kopenhagen sowie Zity in Madrid und Paris in Frankreich.

Fokus auf Free Floating-Autos in Frankreich

Seine ersten Schritte in Frankreich tat das Free Floating 2015 mit dem Netzwerk Citiz und seinen „Yea!“-Autos. Dieser zunächst in Straßburg eingeführte Service steht heute in Toulouse, Lyon, Bordeaux und Grenoble zur Verfügung. Laut der Beobachtungsstelle für neue Mobilitäten der Zeitschrift Les Échos sind 26 % der Fahrzeuge, die für Carsharing zur Verfügung stehen, stationsungebunden. 44 % davon sind elektrisch. In Paris entwickelte sich das Free Floating-Carsharing mit Elektroautos Ende 2018 mit der Einführung von Free2Move, gefolgt von Car2Go und Zity. Von diesen drei Anbietern werden etwas mehr als 1400 Elektroautos eingesetzt. In Marseille, Aix, Avignon und Grenoble werden Renault Twizy zum stationsungebundenen Carsharing von Totem Mobi zur Verfügung gestellt.

Andere Free Floating-Fahrzeuge in Europa

Free Floating-Räder

Free Floating-Räder

Die Geschichte der Free Floating-Fahrräder begann 2014 in China mit der Gründung von Ofo und dann von Mobike im Jahr 2015. In Europa wurde dieses Angebot 2017 eingeführt, vor allem in Großbritannien, Italien, Deutschland und Belgien. In Frankreich standen die ersten Free Floating-Fahrräder im Dezember 2017 zur Verfügung. Im Gegensatz zu den stationsgebundenen Leihfahrrädern mit oft öffentlichen Leihstationen werden die Free Floating-Räder von privaten Unternehmen angeboten. Die Bereitstellung ist einfacher, weil sie keine Straßenarbeiten für die Installation erfordert. Nach einem rasanten Start und nachdem sie die Bürgersteige beinahe überflutet hatten, änderten einige Anbieter ihre Strategie und stellten ihre Aktivitäten in bestimmten Ländern oder Städten wieder ein. Das ist der Fall des Anbieters Gobee.bike, der sich Anfang 2018 aus Europa zurückgezogen und im Juli des gleichen Jahres vollständig aufgegeben hat, oder von Ofo, der seine Fahrräder in Deutschland nach nur dreimonatiger Tätigkeit wieder eingepackt und seinen Dienst in Paris im Dezember 2018 eingestellt hat.

Free Floating-Motorroller

Billiger als ein Auto, aber auch wendiger im Verkehr und in engen Straßen, kamen die ersten Leihroller 2012 in San Francisco auf den Markt. Ihre wirkliche Entwicklung begann jedoch erst 2016. Da man mit einem Motorroller längere Strecken, schneller und zu zweit fahren kann, bietet er sich als ideale Zwischenlösung zwischen dem Fahrrad und dem Auto an, die in den großen Stadtzentren bereits zur Selbstausleihe verfügbar sind. Im Einklang mit den neuen Anforderungen der Großstädte, die die Umweltverschmutzung in ihren Zentren reduzieren wollen, sind diese Roller überwiegend oder sogar ausschließlich elektrisch (wie in Paris). In 99 % der Fälle wird dieser Service im Free Floating angeboten.

In seinem Ende 2018 veröffentlichten Bericht über Roller-Sharing gibt das Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) einen Überblick über die bestehenden Angebote. Europa nimmt eine führende Stellung ein: 84 % der 62 Städte, in denen Roller-Sharing angeboten wird, liegen in Europa. Allein auf Madrid und Paris entfallen 36 % der weltweiten Leihroller-Flotte. Zu den Top 5-Städten gehören Barcelona und Berlin, die an dritter bzw. fünfter Stelle rangieren. Weltweit sollen mehr als 25.000 Roller im Einsatz sein, zwei Drittel davon allein in Spanien, Frankreich und Deutschland.

Free Floating-E-Scooter

Free Floating-E-Scooter

Ganz neu noch auf unseren Bürgerstiegen sind die E-Scooter, die ebenso wie die Motorroller elektrisch sind und im Free Floating-Sharing angeboten werden. Die Anfang 2018 in den USA eingeführten E-Scooter von Lime – einem der Schwergewichte auf dem Markt – sind bereits in fast 150 Städten auf der ganzen Welt vertreten. Ähnlich wie die Free Floating-Leihräder erleben auch die E-Scooter Höhen und Tiefen. Die Anbieter kommen und gehen, und die Städte, die zunächst kalt erwischt worden waren, führen nun Regelungen ein. Zusätzlich zu den französischen Vorschriften, die den Gegebenheiten angepasst wurden, hat beispielsweise die Pariser Stadtverwaltung im Oktober eine Ausschreibung gestartet, um den Markt zu regulieren. Dazu will sie die Anzahl der Anbieter auf drei begrenzen, ihnen jeweils eine Flotte mit maximal 5000 E-Scooter genehmigen und eine zweijährige Lizenz vergeben. Fortsetzung folgt…

Der Platz des Free Floatings in den Sharing-Systemen

Die Hauptziele der geteilten Mobilität sind bekanntermaßen die Begrenzung der Verkehrsüberlastung in den Städten, die Verringerung der Luftverschmutzung und die Entwicklung der Intermodalität. Doch wie fügt sich die besondere Form des Free Floatings in die Sharing-Systeme ein?

Von ADEME erfahren wir, dass die Nutzer von Free Floating-Fahrrädern vor allem die Möglichkeit der Tür-zu-Tür-Fahrten schätzen. Diese freie Verfügbarkeit erleichtert die Intermodalität: 27 % der Befragten gaben an, dass sie ihre letzte Fahrt mit einem Free Floating-Fahrrad mit einem anderen Verkehrsmittel kombiniert haben; die meisten von ihnen mit einem öffentlichen. Die Leihräder werden hauptsächlich für kurze und vereinzelte Fahrten in der Freizeit, außerhalb der täglichen Fahrten eingesetzt. Eine solche Nutzungsweise scheint daher eine Ergänzung zu bestehenden Szenarien zu sein, ohne die Inanspruchnahme anderer Dienste in Frage zu stellen.

Dasselbe gilt für E-Scooter, die anstelle des Zufußgehens (44 %) oder von Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln (30 %) verwendet werden. Was die Intermodalität betrifft, so wird fast ein Viertel der Fahrten mit E-Scootern mit einem anderen Verkehrsmittel (öffentliche Verkehrsmittel oder Zufußgehen) kombiniert.
Nach der Entwicklung dieser verschiedenen Shared Mobility-Dienste besteht die Herausforderung für die Städte darin, den Zugang zu allen ihren Verkehrsmitteln und deren Kombination miteinander zu erleichtern: U-Bahnen, Busse, Straßenbahnen, Taxis, Mietwagen mit Fahrer und alle Verkehrsmittel mit Sharing-Systemen: Autos, Fahrräder, Motorroller und E-Scooter. Genau das ist die Herausforderung des Konzepts der Mobility as a service (MaaS), das die Organisation und Bezahlung einer intermodalen Tür-zu-Tür-Fahrt in Echtzeit ermöglicht. In Europa gibt es bereits etwa 15 Apps, die diesen Dienst anbieten. Andere Projekte sind in Entwicklung: In Wien zum Beispiel erleichtert WienMobil die Mobilität, in Hannover die App Mobility Shop und in Helsinki die von einem privaten Akteur entwickelte App Whim. Auch Paris geht mit der nächsten Version des Navigo-Passes diesen Weg.

 

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