Binnenschifffahrtsverkehr: Elektromobilität auf dem Wasser

Verfasst von am 05.05.2020 - 3 min

Spricht man von elektrischer Mobilität, denkt man zunächst an Autos, dann an Fahrräder, manchmal auch an Roller – an Schiffe aber praktisch nie. Dabei befindet sich der Binnenschifffahrtsverkehr in einem tiefgreifenden Wandel und könnte im Rahmen der Mobilitätsentwicklung extrem nachhaltige Formen annehmen. Wie ist der aktuelle Stand?

Angesichts der Bemühungen um eine Entlastung des Verkehrs, die Beschränkung von Treibhausgasemissionen und eine Verringerung des Energieverbrauchs rückt der Binnenschifffahrtsverkehr sowohl für den Gütertransport als auch für die Personenbeförderung wieder in den Fokus. Er bietet sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Vorteile. Zunächst können im Schiffsverkehr größere Mengen und schwerere Lasten als mit anderen Frachtmitteln befördert werden. Er gewährleistet zuverlässigere Lieferfristen – denn Staus gibt es nicht –, ist sicherer und oft auch kostengünstiger. Ein weiterer Pluspunkt: Ein Schiff verbraucht bei gleicher Warenmenge drei bis vier Mal weniger Energie als ein Lkw und erzeugt bis zu fünf Mal weniger C02 als andere Verkehrsträger. Es trägt außerdem zur Entlastung des Straßenverkehrs bei – ein 4400 Tonnen schwerer Schiffskonvoi ersetzt rund 220 20-Tonner-Lkws auf der Straße – und ist darüber hinaus weniger laut.

Kombiniert man diese Vorteile mit einem elektrischen Antrieb, erhält man ein Transportmittel, das im Gebrauch* emissionsfrei, vibrationsfrei, geruchlos und geräuscharm genutzt werden kann und in einer im ökologischen Wandel begriffenen Mobilität eine zentrale Rolle spielen könnte.

Urbane Elektromobilität und Binnenschifffahrtsverkehr

Durch das Wachstum der Stadtbevölkerung nehmen auch Personen- und Güterverkehr zu, was zu Staus und hohen Schadstoffbelastungen führt. In zahlreichen Städten ist ein Ausbau der Elektromobilität in Form von Sharingsystemen mit Autos, Fahrrädern, Scootern und Rollern zu beobachten. Wie könnte das mit Schiffen und Booten aussehen? In London und Paris gibt es Fluss-Shuttles. Diese könnte man in einem ersten Schritt auf Elektroantrieb umstellen. An innovativen Ideen in diesem Bereich mangelt es nicht, so testet man derzeit in Paris und Lyon sogenannte Seabubbles – Elektroboote, die auf großen Tragflügeln, genannt Foils, schweben und auf den Flüssen großer Städte als eine Art Wassertaxi eingesetzt werden.

Neue Perspektiven für die urbane Logistik

Auch die urbane Logistik hat Innovatives zu bieten: In Paris beliefert das elektrische Lagerschiff Fludis Firmen und Privathaushalte. Die Ware (Pakete und Paletten) wird im Hafen von Gennevilliers an Bord geladen, die Bestellungen werden während des Wassertransports kommissioniert und anschließend per elektrischem Lastenfahrrad mit einem Ladevermögen von bis zu 250 kg ausgeliefert. Jede „Niederlassung“ dieses jungen, im Herbst eingeführten Dienstes möchte auf Dauer 750.000 Pakete jährlich bearbeiten und somit 300.000 Lkw-Fahrkilometer und 110 Tonnen C02 einsparen.

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Boote, die mit Elektroautobatterien angetrieben werden

Es mag seltsam klingen, doch die Nutzung von Elektrobooten könnte künftig in engem Zusammenhang mit Elektroautos stehen. Der gemeinsame Nenner: kreislauforientiertes Batterie-Recycling. Nach einem ersten Lebenszyklus in einem Elektroauto werden die Batterien einem zweiten Lebenszyklus mit anderer Verwendung zugeführt. In Paris dürfte auf der Seine demnächst das erste rein elektrische Boot mit Elektroautobatterie fahren. Die „Black Swan“ geht auf die Zusammenarbeit zwischen der Gesellschaft Seine Alliance, der Groupe Renault und dem Integrator Green Vision zurück. Sie wird mit Batterien betrieben, die aus Renault-Fahrzeugen stammen und so angepasst wurden, dass sie den Energiebedarf für eine zweistündige Bootstour durch Paris liefern und den Passagieren durch den lautlosen, abgas- und vibrationsfreien Betrieb ein einzigartiges Erlebnis bieten. Die Restkapazität einer Elektroautobatterie liegt am Ende ihres Lebenszyklus bei 60 bis 70 %. Das ist mehr als genug für eine auf 12 km/h begrenzte Bootsfahrt auf der Seine. Diese Technologie könnte beispielsweise auch zur Energieversorgung der Bordausrüstung und den elektrischen Antrieb von Restaurantschiffen genutzt werden, da diese mit niedriger Geschwindigkeit für eine jeweils begrenzte Zeit auf dem Fluss fahren und zwischen zwei Fahrten am Kai wieder aufgeladen werden könnten.

Die Zukunft der Elektromobilität auf den Flüssen

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie unsere Zukunft aussehen könnte, lohnt sich ein Blick auf die Niederlande, die für ihre ausgedehnten Kanalnetze bekannt sind, und vor allem auf zwei Projekte.

Elektro-Containerschiffe für den Gütertransport

Die Gesellschaft PortLiner bereitet mit zwei Projekten die Einführung von Elektro-Containerschiffen vor. Das größere von beiden, der EC110, ist 110 Meter lang, 11,45 Meter breit und kann bis zu 280 Container zu je 20 Fuß (6,058 Meter) aufnehmen. Das Ladevermögen beträgt dank der kleineren Elektro-Maschinerie 8 % mehr als bei dem Modell mit Verbrennungsmotor. Die Batterien werden in Containern gelagert und haben eine Reichweite von über dreißig Stunden.

Selbstfahrende Boote in Amsterdam

Die Stadt Amsterdam ist zu rund einem Viertel mit Wasser bedeckt. Ihre Kanäle bieten sich deshalb zur Entlastung des Stadtverkehrs an. Genau das ist das Ziel des Projekts „Roboat“ (eine Wortkombination aus den englischen Begriffen „robot“ und „boat“). Das 2016 vom Amsterdam Institute for Advanced Metropolitan Solution und vom Massachusetts Institute of Technology gestartete Vorhaben ist auf fünf Jahre ausgelegt. Roboat ist eine Flotte von selbstfahrenden Booten, die unterschiedlich genutzt werden, wie beispielsweise zur Personenbeförderung, für den Warenverkehr, die Abfallsammlung, das Messen der Wasserqualität und vieles mehr. Das Beste daran: Die Boote können aneinandergekoppelt werden, um temporäre Strukturen, wie schwimmende Fußgängerbrücken oder Showbühnen, zu bilden.

 

* Weder C02 -Emissionen noch regulierte Luftschadstoffe beim Fahren, ausgenommen Verschleißteile

Copyright : Delpixart, Seine Alliance

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