„In den nächsten 10 Jahren wird sich mehr ändern, als in den letzten 20“

Verfasst von am 09.10.2020 - 7 min

Erfinden, erneuern, verändern... Innovation ist ein ständiges Keimen von Ideen, das Sophie Schmidtlin, die Direktorin für fortgeschrittenes Ingenieurwesen von Groupe Renault, im Alltag bewegt. Von der internen Organisation zu kreativen Prozessen, vom „Design Thinking“ zu durch ständigen Wandel der Gesellschaft notwendigem Umdenken, umfasst Innovation unglaublich viele Themen. Wie sieht die Zukunft der Mobilität aus dieser Sicht aus? Ein klares und aufklärendes Interview zum Thema...

Sophie Schmidtlin, Groupe Renault
Sophie Schmidtlin, Direktorin für fortgeschrittenes Ingenieurwesen von Groupe Renault

Innovation war schon immer ein fester Bestandteil der Automobilindustrie. In letzter Zeit wuchs die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien etabliert wurden aber exponentiell. Warum?

Wir erleben in der Tat eine exponentielle Beschleunigung des technologischen Fortschritts, die uns in den nächsten 10 Jahren mehr Veränderung bringen sollte, als in den letzten 20. Das hat mindestens vier Gründe.
Als erstes kommen bahnbrechende Technologien und der Umstieg zum elektrischen, vernetzten oder autonomen Fahrzeug, sowie neue Mobilitätsdienste. Das ist ein Rausch, der wirklich bei allen Herstellern herrscht, und dem man sich nicht entziehen kann. Den zweiten Grund stellen die neuen Erwartungen der Kunden, die immer öfter „Digital Natives“ sind. Diese Kunden haben unter anderem neue Erwartungen an Mobilitätsdienste in den Städten. Der dritte große Grund für diese Beschleunigung ist die Reglementierung. Diese wirkt zunehmend als Taktgeber für den Automobilsektor: Abgasnormen gab es schon immer, sie werden aber immer schneller immer strenger. Man kann langsam erahnen, dass ab 2030 oder 2040 den Verbrennungsmotoren der Zugang zu den Städten ganz verboten werden könnte, was natürlich den Automobilmarkt vollkommen neu definieren würde. Vor 10 Jahren war das ganz unvorstellbar. Und den vierten Grund für diesen Wandel stellen die Umwelt, die Klimakrise und die Ressourcenverknappung.

Mit welchen Innovationen reagiert die Groupe Renault auf diese vier Feststellungen?

Innovation hat die Marke Renault in den Genen – sowohl bezogen auf die Nutzung des Automobils als auch auf die Verantwortung gegenüber der Umwelt. Für einen Autohersteller dreht sich alles darum, die Erwartungen der Kunden vorwegzunehmen. Daher müssen wir unsere Produkte im sogenannten „verantwortlichen Design“ positionieren. Ein Design, das sparsam mit Energie und Rohstoffen wirtschaftet, das Recycling und Wiederverwertung der Materialien, sowie Lebenszyklusmanagement bedenkt. Ein Management der CO2-Bilanz, nicht nur bei der Nutzung, sondern auch bei der Herstellung. Die Lebensdauer der Batterien muss verlängert, und die Anschlusstechnik verbessert werden, um den neuen Kundenerwartungen gerecht zu werden.

In welchen Zeiträumen bewegt sich die Innovation in der Mobilitätsbranche?

Wir waren es gewohnt, eher standardisiert an einer Aufgabe zu arbeiten und dabei einem logischen, geordneten Ablauf zu folgen. Das geht heutzutage nicht mehr. Kunden erwarten neue Funktionalitäten und neue Dienste – gerade jetzt, da immer mehr Fahrzeuge elektrisch und vernetzt sind – weshalb wir schneller arbeiten und kürzere Innovationszyklen haben müssen. Das Automobil wird zudem immer mehr zu einem technologisch gemischten Produkt – sowohl Hardware als auch Software. Die Innovationen von Groupe Renault drehen sich wirklich um das Kundenerlebnis.

 
„Die Zeit der Resilienz ist da! “

Ist das „Design Thinking“ denn wirklich der Schlüssel, um zu garantieren, dass dieser Innovationsprozess bei Groupe Renault weiterhin relevant bleibt?

Definitiv. Man konzentriert sich auf Aspekte, die das Kundenerlebnis stören und versucht, diese zu verbessern. Man experimentiert an Lösungen mit POC (Proof Of Concept, oder Machbarkeitsnachweisen) und setzt diese dann, entsprechend der Testergebnisse, tatsächlich um. Wir haben beim „Design Thinking“ immer mehr in interne Teams, die mit der Agile-Methode arbeiten, investiert.

Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz haben wir mit unseren Versuchen in Zusammenarbeit mit Groupe La Poste und der Stadt Montpellier, rund um unser Nutzfahrzeug Renault EZ-FLEX, geschaffen.  Dank diesen Versuchen können wir die Fahrer von morgen besser einschätzen, um der städtischen Lieferbranche nachhaltige und verantwortliche Mobilitätslösungen zu bieten. Dieses elektrische und vernetzte Nutzfahrzeug wird es, dank der Analyse der Erfahrungsdaten der Zustellfahrer, ermöglichen, den realen Alltag der Lieferung auf den letzten Kilometern besser einzuschätzen.

Inwiefern ist die aktuelle Resilienz ein Vorteil für die Innovation?

Resilienz ist sehr wichtig: bei der heutzutage immer schneller werdenden Gesellschaft, dem Coronavirus und dessen sozialen und wirtschaftlichen Folgen, der Klimakrise und der Digitalisierung muss für die Zukunft umgedacht werden. Die Erwartungen in Sachen Umwelt, Recycling, Lebensdauer und CO2-Bilanz waren früher im Hintergrund, und rücken nun in den Vordergrund. Mehrere Forschungs- oder Entwicklungsprogramme haben sich zwar in der Vergangenheit mit diesen Themen beschäftigt, weil man sie für sinnvoll hielt, aber sie waren ihrer Zeit noch voraus. Jetzt ist ihre Zeit gekommen.

Worauf baut die Mobilität der Zukunft auf?

Ich persönlich sehe die Technologien selbst nicht als einzigen Grundstein der Mobilität der Zukunft. Was Groupe Renault in Zukunft ihren Kunden bieten möchte, sind Inhalte, Erfahrungen, Wohlbefinden, Umweltschutz und verbesserte Sicherheit.

Wie schafft man einen für diese interne Kreativität geeigneten Nährboden?

Man muss auf moderne Weise arbeiten. Das bedeutet, man muss ein für Kreativität geeignetes Umfeld erschaffen, indem man klassische Strukturen sprengt. Groupe Renault arbeitet mit kleinen Teamstrukturen, die zusammen an der Kundenerfahrung arbeiten. Unsere internen Experten fahren selbst Elektroautos. Sie versetzen sich in die Lage des Kunden und wissen, wie man im kleinen Kreis an den echten Problematiken arbeitet, und das in einen konkreten Proof of Concept verwirklicht. Sie sind eine treibende Kraft, mit echtem Sinn für die Kundenerfahrung. Diese Teams können Verbesserungen vorschlagen, Trends kippen und letztendlich Bewusstsein für etwas schaffen.

 
„In einer geschlossenen Blase ist Innovation nicht möglich“

Muss man sich bei Groupe Renault auch Bereichen außerhalb der Mobilität öffnen, um Innovation voranzutreiben?

Ja, natürlich! In einer geschlossenen Blase ist Innovation nicht möglich. Um Fortschritt zu ermöglichen, muss man auf den Markt blicken und die Neuigkeiten in der Start-Up-Szene beobachten, da diese manchmal neue Technologien präsentieren. Wir stützen uns ebenfalls auf den Austausch mit Leuten, die sich in akademischeren, und vielleicht weniger technologischen Kreisen bewegen. Zum Beispiel aus dem Institut de la Mobilité Durable (Institut für nachhaltige Mobilität), das Renault mit einigen Partnern gegründet hat. Dort beschäftigt man sich mit der Orientierung der Mobilität, sowie Städte- und Regionalpolitik.

Groupe Renault hat weltweit viele LABs gegründet. 2011 wurde das erste im Silicon Valley eröffnet. Welche Früchte hat diese Forschung getragen?

Nehmen wir als Beispiel unser vor 2 Jahren eröffnetes LAB in Tel-Aviv, mit dem wir an mehreren Projekten zusammengearbeitet haben. Dieses LAB arbeitet unter anderem an Netzsicherheitslösungen für Groupe Renault und die Allianz. Auch in anderen Bereichen wurden dort bahnbrechende Technologien erforscht, zum Beispiel für die Steuerung von Elektromotoren oder die Akustik im Fahrzeug. Der Vorteil, in Tel-Aviv vor Ort zu sein ist, dass man ein extrem dynamisches Umfeld genießt, in dem man auf Juwelen stoßen kann, die einen Wettbewerbsvorteil bedeuten können.

Erzählen Sie uns von Ihrer Partnerschaft mit der Universität Paris-Saclay, die in der „Shanghai 2020“-Bewertung als beste in der Kategorie Mathematik abgeschnitten hat.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1998 arbeitet Groupe Renault sehr eng mit Saclay zusammen. Das Technocentre Renault hat enge Verbindungen mit den Schulen und Universitäten des sich in den letzten 5 Jahren sehr stark entwickelnden Saclay-Plateaus geknüpft. Dank den angesehenen Schulen, der Entwicklung des Institut de Recherche Technologique, der Gründung der Universität Paris-Saclay einerseits und dem Institut Polytechnique andererseits, wurde daraus ein akademisches Zentrum, das sich mit den besten internationalen Universitäten messen kann. Durch den Transfer von der Wissenschaft zu den Schlüsseltechnologien für die Zukunft des Automobilsektors soll Wert geschaffen werden. In diesem Rahmen haben wir bilaterale oder kollaborative Forschungsprojekte, an denen wir mit verschiedenen akademischen Partnern zusammenarbeiten.

 
„Unser Ziel ist es, ein Elektrofahrzeug zu entwickeln, das sich während der Fahrt auflädt, ohne es mit einem Kabel anschließen zu müssen“

Auf diesem Universitätsplateau haben Sie auch die Versuchsreihen des autonomen „ZOE Cab“ entwickelt. Erzählen Sie uns von der Rolle des Innovationszentrums beim Erfolg des ZOE, der zum meistverkauften Elektroauto Frankreichs geworden ist…

Der ZOE ist das Innovationsprodukt von Groupe Renault schlechthin. Dieser Wagen profitiert von der Arbeit unserer Experten für Mechanik, Batterie-Entwicklung und auch Umweltschonung. Es ist eines der ersten Elektrofahrzeuge für jedermann auf dem Markt. Wir waren die ersten, die mit neuen Nutzungsszenarien für das Elektroauto experimentiert haben. Und wir erreichen stets neue Meilensteine durch mehr Innovationen. Nicht nur bei der Elektrifizierung, sondern zum Beispiel auch bei der Verwendung von recycelten Textilien für die Sitze.

RENAULT ZOE
„Der ZOE ist das Innovationsprodukt von Groupe Renault schlechthin”

Bei den letzten kreativen Hubs hat Renault das INCIT-EV-Projekt vorgestellt. Ein europaweites Projekt zu elektrischer Mobilität und sieben Innovationen beim Ladevorgang. Können Sie uns davon erzählen?

INCIT-EV ist ein von Europa gestütztes Projekt, das von Renault geleitet wird. Darauf sind wir stolz, da es uns wirklich in eine futuristische Vision der Verwendung von Elektrofahrzeugen versetzt. Dieses Projekt soll innovative Ladelösungen für Elektrofahrzeuge entwickeln. Das ist strategisch wichtig, da der Ladevorgang ein entscheidender Aspekt bei der Entwicklung und Ausbreitung von Elektrofahrzeugen ist. Bei diesem Projekt geht es darum, die Ladelösungen von morgen zu erfinden, und diese bei Versuchen im großen Maßstab zu testen. Unser Ziel ist es, ein Elektrofahrzeug zu entwickeln, das sich während der Fahrt auflädt, ohne es mit einem Kabel anschließen zu müssen. Es wird sich dynamisch aufladen, wodurch auch die Batterien kleiner ausfallen können. Dieses Prinzip hat aus jeder Sicht nur Vorteile: die Umweltbilanz wird verbessert, und der Preis der Batterie, die zurzeit die teuerste Komponente des Autos ist, fällt. Diese Lademethode mag zwar wie Sciencefiction klingen, sie existiert aber bereits bei Prototypen im Labor. Mit dem INCIT-EV-Projekt und dank unserer 32 Partner aus dem Ingenieurwesen, den akademischen Zentren und den Großstädten (u.a. Paris), wollen wir die Laborkonzepte zu großflächigen Feldversuchen machen.

 

Cédric Couvez, Journalist bei L’ADN
L’ADN ist das Innovationsmedium im Web und im Zeitschriftenformat, das jeden Tag die besten Konzepte der neuen Wirtschaft analysiert.

 

 

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