Magali Alix-Toupé: Le Mans Tech auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft

Verfasst von am 26.10.2020 - 7 min

In der historischen und weltberühmten Automobilhochburg Le Mans gibt Le Mans Tech den Takt der CO2-freien und inklusiven Mobilität der Zukunft vor. Ein Interview mit Magali Alix-Toupé, Hauptdelegierte von Le Mans Tech.

Magali Alix-Toupet
Magali Alix-Toupé, Hauptdelegierte von Le Mans Tech

Was macht Le Mans Tech?

Le Mans Tech vereint die Akteure unseres Ökosystems um zwei Hauptthemen: neue Mobilitäten und CleanTech. Wir regen lokale Initiativen an und fördern sie auf nationaler und internationaler Ebene.

Wie sehen die Akteure und Start-up-Unternehmen Ihres Ökosystems aus?

In unserem Ökosystem finden sich sowohl große Unternehmensgruppen wie Orange, SNCF oder Renault, und Start-up-Unternehmen, die sich mit sämtlichen Themen rund um die Mobilität und relevante Dienste beschäftigen, wie zum Beispiel „Wello“ (vernetzte Solarfahrzeuge für den Stadtverkehr). Institutionelle Akteure wie Le Mans Métropole und Universitäten sind ebenfalls präsent.

XMOBILITY - Crédits : Florian Eau
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Welche Glücksfunde werden bei der Erfindung der Mobilität von morgen von Le Mans Tech begleitet?

Da wäre zum Beispiel das Hybrid-Motorrad von „Furion“, oder das Unternehmen „Ian Motion“, das Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor auf einen Elektroantrieb umrüstet. Le Mans Tech begleitet ebenfalls „Sound to Sight“ auf dem Sounddesignmarkt, sowie „Mazira“ im Biogasbereich. Dann haben wir Projekte wie „Qairos Énergies“, ein Produzent von grünem Wasserstoff. Bei Le Mans Tech geht es auch darum, die gesamte Wertschöpfungskette abzudecken, da es bei den neuen Mobilitäten um echte Überlegungen zur Dekarbonisierung geht. Neben den Fahrzeugen selbst müssen wir über deren Versorgung und die dazugehörende Infrastruktur nachdenken. Unser Ziel ist es, Fahrzeuge und Infrastruktur zusammen so CO2-frei wie möglich zu machen.

Haben Sie Beispiele von erfolgreichen Synergien zwischen den Akteuren der Mobilität und Start-up-Unternehmen?

Dieses Netzwerk baut auf Menschen auf. Wir haben heute Start-up-Unternehmen, die bei Gruppen wie STMicrolectronic untergebracht werden, um menschliche Synergien anhand des Fachwissens aller Teilnehmer aufzubauen. Der in Le Mans ansässige ACO (Automobile Club de l‘Ouest; Automobilclub des Westens) stellt Büroräume zur Verfügung. Wir haben dafür einen Ausstellungsraum und einen Konferenzraum. Einsteiger können also ihre Kunden, Zulieferer und potentiellen Kunden an einem in Frankreich symbolträchtigen Ort empfangen. Dank Synergien auf industrieller Ebene begleiten große Unternehmensgruppen die Start-up-Unternehmen bei der Industrialisierung ihrer Produkte. Dies führt ebenfalls zu Versuchsreihen, da die großen Unternehmensgruppen bestimmte innovative Dienste durchaus selbst in Anspruch nehmen können. Die Nähe macht es den Unternehmern leichter, an den Markt zu kommen. Zum Beispiel interessiert sich Orange für unsere Start-up-Unternehmen auf lokaler Ebene und vertraut ihnen erste Märkte an.

Worum geht es Ihrer Meinung nach bei der Mobilität?

Um den Planeten! Wir alle brauchen CO2-freie Mobilitäten. Wir interessieren uns ebenfalls für Inklusivität und nachhaltige Städte. Seit der Gesundheitskrise boomt die sanfte Mobilität und viele Lösungen finden massiven Zuspruch, wie zum Beispiel elektrische Einräder und Roller. „Le Mans Tech“ ist in engem Kontakt mit öffentlichen Stellen, da wir Infrastrukturen und Gebiete an diese neuen Mobilitäten anpassen müssen. Dass es überall Fahrräder gibt ist gut, aber wenn die Örtlichkeiten nicht dafür ausgelegt sind, bringt das nichts. Wir müssen also auch Anstöße geben, damit die Gebiete sich anpassen.

Ist die Dekarbonisierung unserer Mobilitäten eine rein technologische Angelegenheit?

Jein. Es stimmt schon, dass viele Entwicklungen der Technologie überlassen werden können. Aber es gibt auch andere Herausforderungen. Für elektrische Mobilität müssen zum Beispiel Ladestationen flächendeckend errichtet werden. Selbst wenn die Start-up-Unternehmen innovieren, müssen öffentliche Stellen mithalten. Die Technologien elektrischer Fahrzeuge sind immer ausgereifter. Nun kommt Wasserstoff hinzu. Heute haben wir mehrere Technologien zur Auswahl und müssen uns auf die geeignete Mischung einigen. Wir beobachten, dass sich viele Akteure zusammenschließen, um gemeinsam mehr zu erreichen. Biogas-Technologie, die beim Publikum weniger bekannt ist, findet bei Herstellern Anklang. All diese Energien müssen nebeneinander existieren und in Betracht gezogen werden. Hier bei Le Mans Tech richten wir uns nach der Kreislaufwirtschaft und der Analyse der Lebenszyklen. Ebenso entwickelt Qairos grünen Wasserstoff, der aus Biomasse, einem Gemisch aus Pflanzen und Tierexkrementen, gewonnen wird. Um diese Themen voranzutreiben müssen wir als Katalysator fungieren. Bisher arbeiteten alle selbstständig mit sogenanntem Silodenken, wobei Metropolen eher im „Projektmodus“ arbeiten.

Was sind objektiv gesehen die Vor- und Nachteile von französischen Start-up-Unternehmen in der Mobilität auf internationaler Ebene?

Ihre Stärken liegen in ihrer hohen Agilität und Innovationskraft. Was sie bremsen kann, ist dieser kritische Moment im Leben jedes Start-up-Unternehmen, der manchmal „Death Valley“ genannt wird. Da müssen sie von einem mit „Love Money“ (Selbstfinanzierung oder Geld von Familie und Freunden) finanzierten Prototypen zur Industrialisierungs- und Vorserienphase kommen. Genau daran arbeiten wir zusammen. Wir werden in Le Mans einen Ort schaffen, der es Start-up-Unternehmen ermöglicht, bei dieser kostspieligen Phase nicht mehr allein da zu stehen.

Denken Sie, dass die Gesundheitskrise sich auf die Strategien und Modelle für Mobilität auswirken wird?

Das klingt zwar jetzt schrecklich, aber diese Krise war ein hervorragender Beschleuniger, zum Beispiel bei der Entwicklung der Mikro-Mobilität in den Städten. Es wurde jahrelang für Radwege gekämpft und in nur zwei Monaten wurde Außergewöhnliches erreicht. Die nächste Herausforderung wird die Strukturierung dieser ganzen Initiativen, aber alle haben bei der Infrastruktur und dem Einsatz der Technologie einen großen Schritt vorwärts gemacht. Dank vermehrter Digitalisierung von Ereignissen werden wir bewährte Verfahren verbreiten können und somit noch schneller vorwärts kommen.

Was bedeutet inklusive Mobilität?

Inklusive Mobilität kann zum Beispiel Carsharing sein. Wie kommen Sie ohne Führerschein um 5 Uhr morgens zur Arbeit im Industriegebiet? Wir begleiten das Start-up-Unternehmen Cotaxigo, das eine Anwendung entwickelt hat, die das Blablacar (frz. Fahrgemeinschaftsdienst) für Taxis werden soll. Sie verbindet Menschen vor der Taxifahrt, um die Kosten zu teilen und somit zu senken. Das ist ein umweltfreundlicher, wirtschaftlicher und solidarischer Dienst. Das ist inklusive Mobilität. Zusätzlich werden dadurch die Dienste mobilitätsbehinderten Menschen zugänglicher gemacht. Dort wären Überlegungen zur Inklusivität der Infrastrukturen angebracht, damit MAAS (Mobility As A Service) diesen Menschen auch zugänglich ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der Mobilität? Werden wir fliegen? Werden Fahrgemeinschaften demokratisiert?

Ich denke, das wird eine Kombination von all dem! Fliegen, ja! Ich denke, Luftmobilität wird zurückkehren. Auch der Flusstransport, der bisher in Frankreich kaum benutzt wurde, könnte gängiger werden. Morgen? Ich stelle mir vor, dass wir Zugang zum richtigen Dienst, mit dem richtigen Werkzeug und zum richtigen Zeitpunkt bekommen! Ich denke zudem, dass wir eine unseren Lebensweisen angepasste Mobilität in Verbindung mit einer Rückkehr zur Vernunft bei unseren Gewohnheiten haben werden. Mobilitäten müssen diversifiziert werden und nebeneinander existieren.

 

Sarah Sabsibo, journaliste bei L’ADN
L’ADN ist das Innovationsmedium im Web und im Zeitschriftenformat, das jeden Tag die besten Konzepte der neuen Wirtschaft analysiert.

 

 

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